Kultur : FernsehtauglichDas 52. Leipziger Dokumentarfilmfest

Jörn Seidel

Mit einer Kampfrede hatte Festivaldirektor Claas Danielsen das 52. Dokumentar- und Animationsfilmfest in Leipzig eröffnet. Der Dokumentarfilm mit Autorenhandschrift würde im Fernsehen ins Abseits gedrängt; schuld daran sei eine „gefährliche Haltung Programmverantwortlicher“, die ihre Zuschauer als unmündig betrachteten. Die Filmemacher freuten sich über solch deutliche Worte, mancher TVRedakteur zeigte sich dagegen verärgert. Ausgerechnet Arte-Programmdirektor Christoph Hauser sah sich auf einer lebhaften Podiumsdiskussion mit dem Vorwurf konfrontiert, beim künstlerischen Dokumentarfilm Abstriche machen zu wollen. Dabei hält Arte als einer der wenigen Sender der Gattung die Treue.

Und ohne Fernsehen geht beim Dokfilm gar nichts. Deshalb baut Danielsen Deutschlands größtes Dokfilmfestival zum internationalen Branchenevent aus und lockt mit Angeboten wie Koproduktionstreffen, Pitching, Filmmarkt und Workshops immer mehr Fachbesucher an. Das Fernsehen ans Festival zu binden, ist jedoch eine Gratwanderung, denn die Sender als Koproduzenten steigern den Formatzwang und die Massentauglichkeit. Bei den Jurys gingen solche mutlosen Wettbewerbsbeiträge über Fliegerkosmonauten oder Altbundeskanzler leer aus.

Rund 34 000 Zuschauer sahen 330 Filme, davon die Hälfte Animationen. Als bester Film in dieser Sparte wurde „Wings and Oars“ geehrt, bester deutscher Zeichentrickfilm wurde die HFFProduktion „Never Drive a Car When You’re Dead“. Während die Retrospektive dem niederländischen Pionier Ioris Ivens gewidmet war, galt eins der Sonderprogramme dem aktuellen afrikanischen Film – der Klischees konterkarierte. Um Klischeebilder dreht sich auch der Gewinnerfilm des deutschen Wettbewerbs, „Rich Brother“. Darin porträtiert Isa Onken einfühlsam den Kameruner Ben, der durch Berliner Boxbuden tingelt, um seiner Familie in Afrika Geld schicken zu können. Auch „Rich Brother“ zeigt TV-Einflüsse, vermag mit seiner starken Story und kontrastreichen Dramaturgie aber zu fesseln.

Virtuos, mit experimentellem Ton und wilder Kamera arbeitet Laura Bari im Nachwuchssiegerfilm „Antoine“: Sie überträgt die überbordende Fantasie ihres blinden sechsjährigen Protagonisten direkt auf die Ästhetik ihrer Bilder. Die Goldene Taube schließlich ging an den Langfilm „The Arrivals“. Dem direct cinema verpflichtet, nisten sich Claudine Bories und Patrice Chagnard in einer Pariser Einwandererbehörde ein und lauschen den von Sprachbarrieren behinderten Gesprächen zwischen Flüchtlingen und Sozialarbeitern. Ein mitreißender Autorenfilm – und fernsehtauglich obendrein. Jörn Seidel

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