Kultur : Fernsehzimmer: Der eigentliche Skandal

An dieser Stelle nächste Woche:<br><br>Das L

Das nächste Gipfeltreffen der Regierungschefs führender Wirtschaftsnationen soll in den kanadischen Bergen stattfinden, und danach werden die "G 8" nur noch auf Flugzeugträgern tagen oder in gut getarnten polaren Forschungsstationen - Szenarien dieser Art sollen in den zuständigen Planungsstäben schon durchgespielt worden sein. Die Fernsehbilder aus Genua haben noch einmal die alte Schlachtordnung gezeigt, Desperados und "black block", ausgebrannte Autos und zerstörte Geschäfte, martialische Polizeitruppen und dazwischen die zumeist lächelnden und posierenden Staatsmänner. Sie wirkten in diesem Setting mehr als sonst wie Masken ihrer selbst, Spitting-Image-Puppen, so wie die ganzen Gipfelzeremonien inzwischen nur noch als Docu-Soap wahrgenommen werden können.

Vielleicht ist es die größte Leistung der bunt gemischten "Globalisierungsgegner", dass mit Genua diese Form grotesker politischer Inzenierung ihr Ende gefunden haben dürfte. Intelligente Politikberater werden bald merken, dass die durch das Fernsehen in Echtzeit fabrizierte Mischung aus affigem Polit-Posing und Straßenrandale der politischen Klasse insgesamt abträglich ist.

Natürlich sind in Genua auch politische Probleme ernsthaft besprochen worden, und alle haben irgendwie ihre Arbeit gemacht, die Politiker, die Journalisten, die Demonstranten. Aber im Ergebnis hat dieser Summit nur zu einer leidigen Verfestigung von Klischees geführt, der Stadt Genua vor allem zum Schaden, die seit geraumer Zeit gegen ihr dunkles Image (Bauspekulation, Drogenschmuggel, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua!) ankämpft und nun genau darauf wieder zurückgeworfen worden ist.

Der größte Skandal dieses Meetings aber ist jenseits der offensichtlichen Schemata von Gewalt und Gegengewalt zu suchen. Er besteht in der ungehinderten und obszönen Selbstinszenierung des italienischen Regierungschefs Berlusconi, der in Genua als capo dei capi auftreten konnte. Es war nicht sein Kabinett, das den Gipfel nach Genua holte, sondern die Vorgänger-Regierung, aber Berlusconi hat es verstanden, das Polit-Ereignis mit seinem spezifischen Stil zu mediatisieren.

Die von Berlusconi verkörperte Form politischer Herrschaft, der intensive Medienkapitalismus, verstößt gegen einen fundamentalen Grundsatz jeder demokratischen Ordnung: die institutionelle Trennung von Staatsamt und dem Besitz von führenden Medienunternehmen. Berlusconi koaliert mit Postfaschisten und Separatisten, er kontrolliert in seinem Land die Medien der öffentlichen Meinung nahezu vollständig, zieht privaten Gewinn aus einem Geflecht von Presse, Fernsehen, Werbung, von internationalen Verflechtungen gar nicht zu reden.

Es ist ein Novum, dass der Regierungschef einer der führenden Wirtschaftsmächte ganz persönlich für die direkte Verbindung von Multi-Medienkonzernen mit der politischen Exekutive steht; selbst Alfred Hugenberg, der am Ende der Weimarer Republik mit Hitler paktierte, brachte es nur zum Wirtschaftsminister. Die Geschichte wiederholt sich nicht, versimpelte "Telekratie"-Modelle erklären keine politischen Prozesse, und Berlusconi stellt als Entrepreneur und opportunistischer Macht-Taktiker sicherlich einen neuen Politiker-Typus dar. Boykotte wie bei Haider haben sich als Fehlschlag erwiesen, aber Berlusconi ohne das leiseste Votum gegen seine unziemliche Medienmacht als Platzanweiser und Vorsteher des Gipfels auftreten zu lassen, lädt zum Protest in jeder Form ein.

Hier können die üblichen Argumente diplomatischer Nichteinmischung oder einer souveränen nationalen Wahl nicht zählen.Politische Ordnung verdient nur dann Achtung, wenn sie über Ländergrenzen hinweg auf einem moralischen Fundament und dem Geist der Gewaltenteilung beruht. Wird dieses Prinzip ostentativ verletzt, verkommen solche Versammlungen von Staatsmännern zu mafiotischen Klausuren.

Dem deutschen Kanzler Schröder sah man übrigens bei den Fernseh-Übertragungen an, dass er sich in Genua nicht wohl fühlte, nicht nur wegen der Demonstranten, sondern auch wegen des ewig grinsenden und eitel scharwenzelnden italienischen Regierungschefs. Manchmal schien es so, als habe Schröder in Berlusconi den vergröbernden Spiegel der eigenen medialen Inszenierung erblickt, und ein wenig über die Grenzen dieser politischen Präsentationsform sinniert.

Kurz nach dem Ende der Genueser Versammlung starb der konservative Publizist Indro Montanelli, 92-jährig, einer der bedeutendsten Vertreter seiner Zunft in Italien, einst Weggefährte Berlusconis, dann einer seiner erbittertsten Gegner. Der "Corriere della Sera", die Tageszeitung, für die Montanelli gearbeitet hatte, widmete seinem Leben die ersten sieben Seiten der vergangenen Dienstagsausgabe, der übliche Platz seiner Kolumne blieb weiß. Montanelli hatte vor der letzten Parlamentswahl in Italien seine Landsleute zynischerweise aufgefordert, Berlusconi zu wählen, damit sie sähen, dass er "schlimmer als Mussolini" sei. Kanzler Schröder und seine Medienberater müssen nicht wissen, wer Montanelli war, mit seinen politischen Analysen sollten sie sich beschäftigen.

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