Kultur : Fernsehzimmer: Der öffentliche Feind

Nächste Woche an dieser Stelle: das Lesezimme

Das Volk hat geurteilt und Leo Kirch schuldig gesprochen. In einer hübschen Volte ist das Gemeinschaftserlebnis Fußball für einige Zeit durch kollektive Medienkritik ersetzt worden. Eine große Koalition aus Bürgern aller Schichten, Politikern bis hin zum Kanzler und Journalisten hat dem Herrn Kirch in den letzten Wochen eine Rolle zugewiesen, die bei Karl May einst dem finsteren Schut zukam, der mit seiner Bande marodierend durch den Balkan zog. Für die Journalisten, ausgenommen natürlich die bedauernswerten Kollegen von Leo Kirchs Bild-Zeitung, war der Publikumsstreik gegen die Fußballsendung "ran" ein großes Sommerfest. Für eine gewisse Zeit konnte man den eigenen Ärger mit Verlagen und Medienkonzernen einmal vergessen, und sich frohen Mutes über die Mischpoke aus Kirch-Holding, Vereinspräsidenten und Deutschem Fußball-Bund hermachen.

Es war ein Protest gegen den Terror der Ökonomie, wie ihn sich Viviane Forrestier, die französische Erfinderin dieses Axioms, nicht besser hätte ausdenken können. Das Volksbegehren gegen den Kirch-Konzern erinnerte an die "Rote Punkt"-Aktionen der 70er Jahre, als sich wildfremde Bürger wechselseitig im Auto mitnahmen, um gegen die Preispolitik der monopolistischen Verkehrsbetriebe zu protestieren. In solchen Situationen, angefeuert durch das Wechselspiel von Medienberichterstattung und Gesprächen von Angesicht zu Angesicht, werden die Ideale der französischen Revolution gefühlt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Und so ist die stümperhafte Verlegung einer (auch zuvor schon fürchterlich zerdehnten) Fußball-Sendung im kommerziellen Fernsehen unversehens in einer Diskussion über "das System" gemündet. Freunde des aufgeklärten Kapitalismus sehen das mit Sorge. Die gutbürgerliche "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat in einem Kommentar auf Seite Eins festgestellt: "Kirch und die Fußballfunktionäre haben offenkundig die Macht des mündigen Bürgers unterschätzt." Die deutsche Ausgabe der "Financial Times" aus dem Bertelsmann-Konzern übt scharfe Kritik an "der aktuellen Hetzpropaganda gegen Leo Kirch", die für den Unterföhringer Medienunternehmer "bald ähnlich katastrophale Auswirkungen" haben könne "wie das Brent-Spar-Debakel für den Ölmulti Shell". Kirch müsse, so das Finanzblatt, endlich seine Öffentlichkeitsscheu überwinden, "um hier einiges klarzustellen".

Leo Kirch aber ist ein Unternehmertypus alter Schule, dessen Prägung sich in der Adenauerzeit vollzog. Dass er gut mit dem Adenauer-Enkel Helmut Kohl auskam, hatte nicht nur politische Gründe. Kirch und Kohl mögen den Journalismus prinzipiell nicht, ihrer Vorstellung nach muss es Machtsphären geben, zu der eine wie auch immer definierte "kritische Öffentlichkeit" keinen Zutritt hat. Wer als Herr eines Medienkonzerns so denkt, bekommtzwangsläufig Konflikte mit dem eigenen Metier.

Leo Kirch kann nicht so einfach von einem tüchtigen Filmrechtehändler und Kaufmann zum smarten Lenker eines Multimedia-Konzerns mutieren, der mit der publizistischen Sphäre spielerisch umzugehen versteht. Er wurde zum Opfer des von ihm vorgelegten Expansionstempos: mit der raschen Kommerzialisierung des Medienbetriebs verwandelt sich das Publikum in eine Gemeinschaft von lauter kleinen Medienexperten, die gehegt und gepflegt werden wollen, ökonomomische Krisen und Cliquenwirtschaft intuitiv erspüren und dann "Wir sind das Fernsehvolk!" skandieren. Kommerzielles Fernsehen ist, wenn möglichst viele zuschauen, höhnt die Meute.

Dummerweise hat Kirch als pater familias sein Management immer mehr nach Loyalität als nach Leistung aufgebaut, und von seiner Vorliebe für verwirrende Unternehmensstrukturen nie lassen können: so stehen sich jetzt wieder die Konzernleitung, die Fernseh-Holding mit dem unmöglichen Namen "ProSiebenSat.1Media AG" und die Geschäftsleitungen der Einzelsender gegenseitig im Weg. Hier wird die Energie verpulvert, die für nachhaltige Programmplanung oder public relations nötig wäre.

Die Rolle des öffentlichen Feindes kann der Kirch-Konzern intellektuell wie publizistisch gar nicht durchhalten. So wird er zukünftig eleganter, schlanker, kohärenter handeln müssen, wenn er überleben will. "Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert", sagt Tancredi in Guiseppe Tomasis "Der Leopard" zum Fürsten. Es geht der fehl, der diese Maxime immer nur technisch interpretiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben