Kultur : Fernsehzimmer: Die Dämonen des Thomas Middelhoff

Nächste Woche: Rainer Moritz im Lesezimmer.

Der legendäre münstersche Bankier Ludwig Poullain hat einmal über den Medienunternehmer Leo Kirch gesagt, dieser führe "eigentlich ein beschissenes Leben". Pollain meinte damit den ständigen finanziellen Druck, mit dem der hoch verschuldete Filmrechtehändler aus Unterföhring seit Jahrzehnten zurechtkommen muß, das anstrengende Jonglieren mit Unterfirmen, die endlosen Verhandlungen mit Banken und Investoren. Von raren öffentlichen Auftritten abgesehen, hat Kirch hat nicht einmal den Glamour der internationalen Film- und Fernsehwelt wirklich genießen können.

Poullains Worte kommen einem in den Sinn, wenn man den Zustand der deutschen Fernseh- und Filmbranche in Zeiten der ökonomischen Stagnation betrachtet. Die Medienindustrie hat sich lange in der Gnade unendlichen Wachstums gewähnt, als sei sie dem ehernen Gesetz der ökonomischen Entropie nicht wirklich unterworfen. Medienpolitiker, Investmentbanker und Trendforscher haben die Medien- und Kommunikationswirtschaft zum letztgültigen Heilsbringer erklärt und damit die Manager der Medienkonzerne besoffen geredet. Nun stellt sich plötzlich heraus, daß es eine new economy vielleicht gar nicht gibt, daß es mit dem Internet als angeblichem Meta-Medium nicht vorwärts geht, daß die alten Medien Presse und Fernsehen so konjunkturabhängig sind wie eh und je. Die führenden Medienlenker werden mit dieser neuen Realität ihres Gewerbes nur schlecht fertig. Allen voran Thomas Middelhoff, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG.

Middelhoffs Spezialität ist die ständige Verkündung von Hochgeschwindigkeit; sein konkretes Management in Gütersloh trägt tatsächlich alle Züge einer rasanten Geisterbahnfahrt. Noch vor Monaten hat Middelhoff keine Gelegenheit ausgelassen, die umwälzende Kraft des Internets zu predigen. Er verordnete seinen Mitarbeitern die Online-Umstellung des ganzen Bertelsmann-Gebildes. Nach dem Zusammenbruch der naiven Internet-Hoffnungen wurde von Middelhoff plötzlich mit der RTL Group das gute, alte Fernsehen als zentraler Renditeträger wiederentdeckt. Jetzt muß ein geplanter Börsengang dafür herhalten, den offenkundig etwas begriffsstutzigen Kollegen in den einzelnen Bertelsmann-Profitcentern via "Spiegel" so richtig zu erklären, was "Fokussierung auf Gewinnbereiche" heißt. Wieder einmal droht Middelhoff mit "mehr Geschwindigkeit".

Die "Spiegel"-Leute haben zwar fröhlich seine "Marschall Vorwärts!"-Parolen abgedruckt, aber zugleich ein so düsteres Bild von den Kerngeschäften des Medienkonzerns gezeichnet, wie es selbst dem Fitness-Trainer-Middelhoff nicht recht sein kann. Die "Bertelsmann Music Group" wird in diesem Jahr keinen Gewinn ausweisen, die Internet-Geschäfte sind im Koma, den Buchklubs geht es ohnehin schlecht, die Tageszeitungen will Middelhoff so schnell wie möglich loswerden. Die Umsatz-Rekordbilanz von Bertelsmann, die Middelhoff Ende dieses Monats vorlegen will (über 40 Milliarden Mark) verdankt sich, so der "Spiegel" kühl, vor allem "hohen Spekulationsgewinnen" aus jener Zeit, als die Neuen Märkte verrückt spielten. Es dämmert nun einigen von Middelhoffs Kollegen im Bertelsmann-Management, daß ihr Vorstandschef die Verantwortung für Flops nicht annehmen möchte, sondern in klassischer Manier den Bereichsmanagern aufbürdet. Die katastrophale Börseneinführung des Beteiligungsunternehmens "Lycos Europe" etwa, oder die Besetzung von Managementpositionen bei den Bertelsmann-Zeitungen. Zudem finden sie es nicht so lustig, im "Spiegel", an dem Bertelsmann mit 24,9 Prozent beteiligt ist, von der Lichtgestalt Middelhoff für ihr langsames Denk- und Arbeitstempo abgewatscht zu werden. So hat sich Bernd Kundrun, Vorstandschef des Bertelsmann-Unternehmens "Gruner & Jahr", in einem Brief an den "Spiegel"-Chefredakteur darüber beschwert, daß bei ihm nicht nachgefragt worden sei, und sich kompensatorisch von der konzerneigenen "Berliner Zeitung" interviewen lassen. Thema: Die Zukunft der "Berliner Zeitung". So etwas nennt man eine Kommunikationskrise.

Middelhoff hat sich, so deutet es der "Spiegel", in die Fänge von Investmentbankern begeben, von denen er vor einem möglichen Bertelsmann-Börsengang Renditevorgaben aufgenötigt bekommt, die in Zeiten flauer Medienkonjunktur schlicht nicht zu erzielen sind. Middelhoffs Dilemma besteht darin, daß er sich einem Zwang zu Größe und Schnelligkeit unterwerfen muß, ohne den zukunftsträchtigen Kern der Bertelsmann AG nachhaltig definieren zu können. Vor allem auf die Fernsehsender der zu Bertelsmann gehörenden RTL Group kommt damit ein wirtschaftlicher Druck zu, der auf Dauer nicht auszuhalten ist. Wo das endet, zeigt das Schicksal von RTL 2 mit seinem Programmchef Andorfer: bei "Big Diet", den "dümmsten Polizisten der Welt" und Zuschauern auf der Flucht. Thomas Middelhoff wird sich, gehetzt von den eigenen Ankündigungen und Parolen, schneller als nötig dem biographischen Zustand nähern, den Ludwig Poullain einst für Leo Kirch diagnostizierte.

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