Kultur : Fernsehzimmer: Im Stahlbad des Journalismus

In der nächsten Woche: das "Lesezimmer" von R

Etwas verloren schaute Ludwig Börne in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am vergangenen Wochenende den Leser an. Wer nichts von der geplanten Verleihung des "Börne-Preises" an Rudolf Augstein wußte, wird sich gewundert haben, warum unvermittelt in der FAZ ein "kleines Ölgemälde" des Vormärz-Publizisten erschien, dazu ein unbekannter Börne-Brief, der "in wichtigen Punkten andere Quellen bestätigt, die wir über Börne kennen".

Solche steilen Erkenntnisse waren Teil einer Kulturinszenierung, in deren Mittelpunkt eine spätbürgerlich abgemischte Laudatio des Preisrichters und FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher stehen sollte - die üblichen Satzgirlanden also über das freie Gespräch der Bundesrepublik mit sich selbst oder den aufklärerischen Mut des jungen Augstein. Natürlich auch über Börne, der Augstein sicher gerne zum Freund gehabt hätte, wenn er nicht schon 1837 gestorben wäre. Schirrmacher hat seine Qualifikation als Spezialist für tertiäre Debatten über zweitrangige Themen nachhaltig erwiesen, besonders im Walser/Bubis-Disput, der in das "große Gespräch in den Redaktionsräumen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mündete, wie Schirrmacher schließlich zufrieden feststellen konnte. Augstein, der bekanntlich nicht zur Börne-Preisverleihung in die Frankfurter Paulskirche ging, kann froh sein, daß er dem Schabernack entkommen ist, der da mit ihm gespielt werden sollte.

Auch bei diesem Börne-Preis sollte man zwischen kommerziellem Feuilleton auf der einen, realer Forschung und Erkenntnissuche auf der anderen Seite deutlich trennen. Welches Problem die Prämierung von Augstein wirklich stellt, hat unfreiwillig Hans Leyendecker in der "Süddeutschen Zeitung" beschrieben, als er Augstein gegen jene Kritiker verteidigte, die dem Spiegel-Gründer "antisemitische Labereien" oder das Anheuern von SS-Offizieren und NS-Publizisten für die Spiegel-Redaktion in den 50er Jahren vorhalten. Bei der Diskussion dieser Vorgänge geht es schlicht um die Frage, ob es eine besondere Sphäre der Moral und des Rechts für den Journalismus geben kann, andere Regeln als für diejenigen, die Objekte enthüllender Berichterstattung werden und sich dagegen kaum wehren können. Augsteins Blatt hat von Beginn an vergangenheitspolitische Strategien benutzt, um in die Biographien einzelner Personen nachhaltig einzugreifen. Das kulminierte in den 80er Jahren im Fall des WDR-Fernsehmannes Werner Höfer. Pardon wurde da nicht gegeben. Denn der wahre Journalismus ist ein Stahlbad für ganze Männer, so lesen wir auch bei Leyendecker.

Journalisten vom Format Augstein und Börne seien "im eigenen Feuer ausgeglüht, gehärtet". Man kämpft "an der Front", bekommt Gegner "vor die Flinte", die wichtigsten Weggefährten fahren irgendwann "in die Grube", wenn man auf diesem verminten Feld überlebt hat.

Wer sich täglich auf diese Weise für Demokratie und Aufklärung abrackert, kann sich auch seine eigene Ethik zusammenbasteln. Richtig sei, so Leyendecker, "daß ehemalige SS-Mitglieder in der Redaktion zu finden waren, aber in allen Berufen gab es damals Unaufmerksamkeiten". Daß KZ-Ärzte wieder praktizierten und NS-Richter wieder Recht sprachen in der Bundesrepublik, lauter Unaufmerksamkeiten?

Wenn man den Leyendecker-Satz ernst nimmt, wird man finden, daß mit solcher Logik dem "investigativen Journalismus", für den Leyendecker ja steht, überhaupt der Boden entzogen ist. Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Vater Graf und Dr. Schneider, waren sie nicht alle "unaufmerksam"? Haben Sie nicht alle irgendwann einfach den Überblick verloren, während sie nur das Beste wollten, für die Republik, die Partei, die eigene Tochter, für den Städtebau?

Rudolf Augstein ist jetzt 77 Jahre alt, Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Grimme-Preises, mehrfacher Ehrendoktor, "World Press Freedom Hero", neulich ist er gar zum "Journalisten des Jahrhunderts" gewählt worden. Ob er nun noch den Börne-Preis entgegennehmen wird, ist ziemlich bedeutunglos, abgesehen davon, daß er sich und uns die Schirrmacher-Lobrede ersparen könnte. Augstein selbst hat sich die Geschichte des "Spiegel" so hingebogen, wie er sie gerne der Nachwelt übermittelt sähe. Da ist also Hopfen und Malz verloren. Kürzlich hat er aber auch eine hochdotierte Stiftung ins Leben gerufen, die zur besseren Ausbildung junger Publizisten beitragen soll. Es wäre schön, wenn zumindest diese Institution den Eleven vermitteln könnte, daß der kategorische Imperativ auch für das Mediengewerbe gilt.

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