Kultur : Fernsehzimmer: Powered by emotion

Neulich hat sich der Entertainer Harald Schmidt einmal mehr über seinen Sender hergemacht, auch dieses Mal mit gutem Grund. Powered by emotion, der aktuelle Slogan für SAT 1, ist ein Spruch, der nur in endlosen Konferenzen ermatteter Fernseh-Manager mit durchgeknallten Werbestrategen (oder umgekehrt) entstehen kann. Weder originell noch für das Kernpublikum des Senders irgendwie bedeutsam, ist diese Wortmarke ausschließlich satirefähig. Das hat sich in zahlreichen Verballhornungen und bösen Kommentaren erwiesen; interessant aber ist die mehr oder weniger unfreiwillige Liberalität, mit der SAT 1 den Hohn und Spott seines Aushängeschilds Schmidt erträgt. Schon die misslungene Verlegung der Fußballshow "ran" und die sinkenden Werbe-Einnahmen des Senders waren von Schmidt in seiner Show komödiantisch korrekt behandelt worden.

Das alles passiert zwar spätabends, mit eingeschworener Fangemeinde, und ist im Grunde Branchenkommunikation, aber die Beziehung zwischen dem hoch bezahlten Spötter und seinem Auftraggeber ist für das deutsche Fernsehen einzigartig. Weder in der ARD noch im ZDF wäre vorstellbar, dass in regelmäßigen Abständen Intendanten oder Programmdirektoren für Fehlleistungen des öffentlich-rechtlichen Managements, an denen es ja auch nicht gerade mangelt, abgestraft würden. SAT 1 aber ist bewundernswert leidensfähig, zarte Hinweise des Programm-Geschäftsführers auf eine Grundloyalität zum Haus zerschellen an der Alleinstellung von Deutschlands einzigem intellektuellen Fernseh-Unterhalter.

In dieser solitären Rolle von Schmidt, the one and lonely, liegt auch das Problem der Show. Vom hart erkämpften Humorfaktor, den verblüffenden Einfällen und großer Stilsicherheit einmal abgesehen, sieht man dem Meister beim Schattenboxen zu. Die Verbindung von Comedy und Kulturkritik hat keine öffentlichen Gegner. Jetzt ist Schmidt der Darling des bürgerlichen Feuilletons, der Philosophie-Doktoranden und aufgeweckten Oberschüler. Er kann über sich lesen, er beherrsche "das Zwischenreich des uneigentlichen Verhaltens zur Welt" (R. Willemsen), seine letzte Ekstase sei "die Simulation des Witzes, für den bis zum Ausbleiben der Pointe die Humor-Vermutung" gelte (ibid.). Der Chef des Hanser-Verlages, Michael Krüger, hat Schmidt als Nachfolger von Reich-Ranicki beim "Literarischen Quartett" vorgeschlagen - zum Glück ist das versumpfte Format vom ZDF eingestellt worden, bevor ernsthaft Verhandlungen aufgenommen werden konnten.

Nur noch eine Frage der Zeit ist die Nominierung zum Unesco-Sonderbotschafter oder Kandidaten fürs Bundespräsidenten-Amt. Überdies hat Schmidt unvermeidlich mit Nils Ruf oder Christian Ulmen schlechte Imitatoren gefunden, deren Hampeleien allerdings auch etwas über die Brennweite des Originals aussagen. Wer Bücher von Harald Schmidt kauft, so die Empirie des Internet-Buchhändlers Amazon, kauft auch die Bücher von Stuckrad-Barre, Florian Illies oder Christian Kracht ("Faserland").

Schmidt, eine Art Wolfgang Neuss der Postmoderne, kann darauf reagieren, indem er einige Jahre Mattigkeit und Weltschmerz zelebriert, oder indem er sein hübsches Format so weit radikalisiert, dass es für SAT 1, die Kirch-Gruppe und die Fangemeinde nicht mehr tragbar ist. Da er nicht darauf aus sein wird, auf ewig und drei Tage den netten Onkel der affirmativen Ironie zu spielen, muss er das Ende seiner Show selbst einleiten. Das wird nicht durch bewusste und plumpe Regelverletzungen sichtbar.

Schmidt, wie jeder große Komödiant leicht depressiv, liebt sein Team und das Regelhafte seines Auftritts. Aber wie in jeder erotischen Beziehung und im Leben überhaupt ist die Auflösung Ziel der Sache selbst. Von daher könnte der Spruch von SAT 1 für das Verhältnis zur Schmidt-Show doch noch eine tiefere Bedeutung erhalten: powered by emotion.

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