Kultur : Fernsehzimmer: Seht fern!

Nächste Woche: Diedrich Diederichsen

In der gegenwärtigen Wirtschafts- und Sicherheitskrise, die mit den Terroraktionen vom 11. September ihr Emblem erhalten hat, sind die Medien Gewinner und Verlierer zugleich. Das Publikum sucht in Zeiten der Unsicherheit vermehrt nach Sinndeutung in Zeitungen und Radio, Fernsehen und Internet, die Medienhäuser produzieren Sonderausgaben, die seriöse Publizistik freut sich angesichts der Sehnsucht nach Einordnung über Bedeutungsgewinne. Auf der anderen Seite spürt die von Werbeschaltungen abhängige Medienindustrie den harten Konjunktureinbruch. Fehlende Investitionsneigungen und Absatzschwächen andererer Branchen treffen das Mediengewerbe mit gewisser Verspätung, aber es zeigt sich jetzt, dass es keine autonome Größe ist, das aus eigener Kraft der Systemkrise einer antiquierten Wachstumsideologie entkommen kann.

Dass der ökonomischen Potenz der Medien Marktgrenzen gesetzt sind, ist von der deutschen Medienpolitik lange negiert worden. Besonders die Sozialdemokraten träumten von einer großen gesellschaftlichen Konversion, in der die Kommunikationsindustrie die gleiche Rolle spielen soll wie Kohleförderung, Stahl- und Automobilproduktion in der Vergangenheit. Der Bürger sollte möglichst viel fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften lesen, SMS-Nachrichten verschicken und Filme übers Mobiltelefon abrufen. Diese naive Vorstellung verlangt nach dem hybriden Konsumenten, der wie weiland Napoleon stets mehrere Kommunikationsakte gleichzeitig vollzieht und dafür auch noch Geld ausgibt.

Diese Projektion hat in den wirren Zeiten der "new economy" die simplen Gesetze von Angebot und Nachfrage aus den Augen verloren. "Firmen und Privatpersonen können eben nicht beliebig Geld für die Telekommunikation ausgeben", hat die "Süddeutsche Zeitung" nüchtern festgestellt. Der Neue Markt brach in dem Moment zusammen, als immer mehr Leuten zu Bewusstsein kam, dass mit dem Internet mangels Werbeeinnahmen keine Gewinne zu erzielen waren. Neuer Markt und "new economy" waren aber die ideologischen Kerne einer hemdsärmelig-fröhlichen Wirtschaftspolitik, deren karge Anstrengungen in der moderaten Begrenzung öffentlicher Ausgaben, einem Regelungsfetischismus des Finanzministers und anfeuernden Zurufen an Bürger und Unternehmen bestehen, doch bitte trotz Bin Laden und Rezession weiter Geld auszugeben.

Mangels personeller und intellektueller Kompetenz hat die Sozialdemokratie die Steuerung der Medienwirtschaft dem Management der Konzerne überlassen, in Übereinstimmung mit den medienpolitischen Vettern der CDU / CSU. Die Ergebnisse können wir gerade besichtigen: Der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Middelhoff hat in jenem Moment die Kehre vom Internet-Messianismus zurück zur heilbringenden Kraft der RTL-Group vollzogen, als die europäische RTL-Familie mit drastischen Gewinneinbrüchen zu kämpfen hatte. Und der Kirch-Konzern kann wieder einmal nur durch einen Milliarden-Kredit der Bayerischen Landesbank überleben. Kirch kündigt nun an, er wolle sich gemeinsam mit dem Axel Springer Verlag (Kirch ist dort Mehrheitsaktionär) zur Abwechslung einmal um die Konsolidierung des Zeitungsmarktes kümmern und dort "aus Fallholz Bauholz machen". Das kann ja lustig werden.

Mit Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Fernsehen lassen sich auch künftig ordentliche Gewinne erwirtschaften. Das Internet ist ein grandioses Medium mit vielen noch nicht ausgespielten publizistischen und ökonomischen Potenzialen. Dass sich Bundesländer um die Ansiedlung junger Medienfirmen bemühen, ist gut so. Aber die Medienwirtschaft mit ihrem Beziehungsgeflecht von Bewusstseinssteuerung, Glamour, politischer Analyse und Profitorientierung wird die Wirtschaftspolitik nicht von der Notwendigkeit erlösen, erneut ein qualitativ anders fundiertes Wachstum zu denken. Es bleibt ein Paradox: Je stärker die Medienunternehmen auf Kosten anderer Branchen in den Fokus der wirtschaftlichen und politischen Aufmerksamkeit gerückt sind, desto kritischer ist ihre Lage geworden.

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