Kultur : Fernsehzimmer: Tücke des Subjekts

Nächstes Mal: Dietrich Diederichsens<br><br>

Der Altmännerhass auf die Vergnügungen der Jugend, den ich beim letztenmal gegeißelt habe, ist zu moralisierender Höchstform aufgelaufen angesichts der Toten von Erfurt. Alle üblichen Verdächtigen, die die "Spaßgesellschaft" für den Niedergang der Menschheit verantwortlich machen, haben nun auch ihren Senf dazugegeben und das böse Fernsehn oder das noch bösere Videospiel als Verderber der Jugend enttarnt, wieder einmal. Aber eigentlich, machen wir uns nichts vor, stecken die Amis dahinter, ich sage nur Hollywood, Rambo, "Counterstrike". Und dann holt man einen dieser Medienexperten aus der Kiste, der sagt, was er seit 30 Jahren sagt: Dass es einen Zusammenhang zwischen exzessivem TV-Sehen und Gewaltbereitschaft gibt beziehungsweise nicht gibt - aber das werde gerade in einer Langzeitstudie endgültig geklärt.

Bitte keine pauschale Medienschelte, verwahren sich die Fernsehintendanten - die sich freilich "mit solchen Verbrechern" (der Videospielindustrie) nicht an einen Tisch setzen wollen - und versprechen, die Killquote pro Minute von 9 bis 18 Uhr um 14 Prozent zurückzufahren beziehungsweise künftig Morde nur noch zur Abschreckung zeigen zu wollen: Damit schon der ungefestigte Zwölfjährige mitbekomme, dass Mord etwas Schlimmes ist und selbst das schlichte Töten von Menschen und Säugetieren zu unterbleiben hat (Ausnahme: Notwehr).

Insoweit war eigentlich alles normal, nur das Ausmaß des Getues war größer als sonst, was man bei dem Anlass ja verstehen kann. Aber leider sind gute Zeiten für unsere Seelsorger - vom Bundespräsidenten über Talkshow-Hostessen bis zu Johannes B. Kerner - schlechte Zeiten für mich. Ich weiß zwar, dass das Fernsehen sich dort, wo es sich nicht als Unterhaltungsmaschine versteht, wo es Lebenshilfe, gar Reflexion bieten will, im besten Fall das Niveau der "Bunten" erreicht; oder es ähnelt einer parareligiösen Veranstaltung, bei der es egal ist, ob Heizdecken, Anlagestrategien oder Welterklärungen an den Mann gebracht werden. In seiner Verbindung von intim und öffentlich, mit dieser Nötigung zu Geständnis und Beichte, im allfälligen Distanzverlust bekommt das Fernsehen dann deutlich ganovenhafte seelsorgerische Züge, irgend etwas zwischen Billy Graham und Pfarrer Fliege.

Das alles weiß ich, und ich akzeptiere es: In diesen Bereichen ist das Fernsehen eindeutig das Medium der Anderen, und ich empfinde weder Hass noch Verachtung für die Caroline-Reiber- und Musikantenstadl-Fans, auch nicht für die Liebhaber von "Christiansen" oder Hardcore-Kultursendungen ("Aspekte"). Aber (jetzt musste einfach ein Aber kommen, gelt?) der Peinlichkeitsfaktor bei diesen Sondersendungen und Erklärungsveranstaltungen war diesmal doch recht hoch, liebe Leserinnen und Leser, finden Sie nicht auch? Und wurden wir wenigstens anständig belehrt? Wenn Sie mich fragen: Ich fand es schlicht ärgerlich, dass unter dem Vorwand von Ursachenforschung und künftiger Risikominimierung als neue Weisheit verkündet wurde, wir sollten "mehr Mitmenschlichkeit wagen". Zu Axel Cäsars Zeiten hieß das "Seid nett zueinander", wogegen ich persönlich gar nichts habe (wenngleich ich auch nicht gerne solcherart feucht von der Seite angesprochen werde). Denn es stimmt ja: Man sollte lieber nett als fies sein, da sähe manches anders aus auf der Welt, besser wahrscheinlich!

Wie wäre es, wenn wir, die Guten und Netten, mal eine machtvolle Demonstration "Gegen Mord an Lehrern (und allen anderen)!" veranstalteten? Keine gute Idee, weil sowieso jeder gegen Mord ist? "Das Moralische", sagt Friedrich Theodor Vischer, "versteht sich immer von selbst." Wer also das Selbstverständliche noch und noch ausspricht, hält uns entweder für dumm, begriffsstutzig, unmoralisch, oder er ist ein eitler Fatzke, der sich gerne reden hört und moralisch überlegen gibt, auf unsere Kosten. Denn was ist der Prediger ohne seine Gemeinde? Ein einfacher Sünder wie wir - erst unsere Anwesenheit bietet ihm die Gelegenheit, vom Leder zu ziehen und die moralische Sau rauszulassen, oder er redet uns als sanfter Bruder ins Gewissen, mahnt und warnt: Und wir armen Schweine müssen uns den selbstgefälligen Quark anhören, betroffen gucken, anstatt zu rufen "Hey, Preacher, wenn du predigen willst, wechsel den Sender und geh in die Kirche, jedenfalls leave uns Kids und Oldtimers alone".

F. Th. Vischer (1807 - 1887) hat einen der merkwürdigsten und komischsten deutschen Romane geschrieben, "Auch einer", und ist der Erfinder des genialen Spruches von der "Tücke des Objekts".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben