Kultur : Fernsehzimmer: Von der SS zum SDS

In der nächsten Woche: Diedrich Diederichsens

Es war die Zeit, als das Fernsehspiel noch nicht "TV Movie" hieß und Intendanten öffentlich-rechtlicher Sender mühelos als Ordinarien philosophischer Fakultäten durchgehen konnten. In "Alma Mater", dem 1969 hoch umstrittenden TV-Stück von Dieter Meichsner und Rolf Hädrich, mimt der seinerzeitige Südfunk-Chef Hans Bausch einen Dekan an der Freien Universität Berlin, man entdeckt Dieter Wedel als Kleindarsteller und Claus-Theo Gärtner ("Ein Fall für Zwei") ist Studentenfunktionär. Am kommenden Mittwoch zeigt 3sat den Film noch einmal in seiner Reihe zur Geschichte des Fernsehspiels. Es ist eine ungeplant aktuelle Reprise, weil "Alma Mater" durch Analogieschlüsse zwischen der nationalsozialistischen Studentenrevolution und der radikalisierten 68er-Bewegung Furore machte. Solche historischen Bezüge waren Domäne der rechten Totalitarismustheorie; daß der öffentlich-rechtliche NDR die These mitten im heißen Kampf um die FU aufgriff, wurde von linker Seite als Skandalon empfunden.

Sieht man den Film heute, mitten in einer drolligen, aber wohl unvermeidlichen Debatte um die "historische Leitkultur der Berliner Republik" (FAZ), fällt zuerst die formale Experimentierfreude auf. Die Brechtische Didaktik ist steil, aber die Montage aus Originaltönen erregter Ansprachen der Studentenführer, Schrift-Inserts mit konstruierten Biographien der Protagonisten und dokudramatischer Inszenierung wirkt avantgardistisch im Vergleich zur ästhetischen Armseligkeit heutiger Fernseh-Movies. Auch in der Opposition zur SDS-Dogmatik war "Alma Mater " ein Produkt der 60er-Jahre-Popkultur, ein Agitprop-Konter, in dem sich McLuhan, das direct cinema und deutsche Befindlichkeit trafen. Jost Vacanos katzenhaft bewegliche Kamerarbeit zeigt schon an, daß er später mit "Das Boot" und "Total Recall" zur internationalen Eliteliga aufsteigen würde. "Alma Mater" ist eine professionelle, auf Wirkung zielende publizistische Arbeit, der im weichgespülten Fernsehfilm-Betrieb unserer Tage wenig gleichkommt.

Es waren einige gezielt denunziatorische Effekte, mit denen Meichsner und Hädrich ihr Stück zum Aufreger machten. Über einen freudlosen Versuch sexueller Annäherung im WG-Dunst wird die stotternde Phraseologie einer SDS-Rede gelegt; ein mit den rebellierenden Studenten sympathisierender Professor aus der sozialdemokratischen Ecke wird in der Schlußszene selbst mit Farbbeuteln beworfen - er blickt in der letzten, eingefrorenen Halbtotale wie ein gehetztes Wild in die Kamera. Besonders perfide fanden "Alma Mater"-Kritiker, daß Drehbuchautor Meichsner seinem fiktiven Protagonisten, einem jüdischen Historiker des Jahrgangs 1903, eine doppelte Emigration zugeschrieben hatte: 1933 war er als junger Privatdozent in die USA geflohen, 1953 als Ordinarius in die Bundesrepublik zurückgekehrt, 1969 sieht man ihn wieder in die "PanAm"-Maschine steigen, um dem studentischen Mob zu entkommen.

Über Ähnlichkeiten und Unterschiede der studentischen Bewegungen in den 30er und 60er Jahren wird man heute differenzierter, gelassener reden können, auch wenn manche Beiträge von Renegaten, alten Kombattanten und desorientierten Nachgeborenen in "FAZ" oder "Welt" noch emotionalen Überschuß abbauen. Zu analysieren sind die Motive, die Forderungen, Methoden und die Ergebnisse radikaler studentischer Proteste. Die Abneigung gegen eine bürgerlich "wertfreie" Wissenschaft, das Faible für dogmatische Rede und Psychoterror, auch eine antikapitalistische Grundmelodie einte die SS-Studentenführer und ihre SDS-Kinder; Blumenkinder, Haschrebellen, Vietcong-Sympathisanten wird man in NS-Kameradschaftshäusern allerdings schwer nachweisen können. Schließlich gab es nach 1945 auch keinen "Kontinuitätsverdacht" als Erfindung linker "Gemeinschaftskundelehrer", wie der Sprecher der Generation Golf in der "FAZ" fabuliert, sondern eine wirklich stahlharte Kontinuität zwischen nationalsozialistisch formierter Personage und der Funktionselite in der Adenauerzeit. Angesichts der schwindelerregenden Kumpanei von Staatsterroristen und alten Eliten, mit der die neue Bundesrepublik in Fahrt gebracht wurde , war die überfällige Protestreaktion in den 60ern einigermaßen harmlos. Hanns Martin Schleyer, der korporierte SS-Untersturmführer, der als Studentenfunktionär in Heidelberg für die "Ausmerze" jüdischer Kommilitonen eingetreten war, fiel als Symbolfigur deutscher Kontinuität dann den linksterroristischen Desperados in die Hände, Täter und spätes Opfer in einem Bürgerkrieg, der schon mit dem Zusammenbruch der Monarchie und dem verlorenen Weltkrieg 1918 begonnen hatte.

Ob Rudi Dutschke in den 30er Jahren vielleicht ein Schleyer gewesen wäre, und manches inzwischen kapitalistisch gesettelte Mitglied der K-Gruppen bei den Einsatzgruppen im Osten mitgemacht hätte, ist ein historisches Kalkül, das einem beim Wiedersehen von "Alma Mater" in den Sinn kommt. Ein Retro-Spiel, das man sich in politisch und ökonomisch ruhigen Zeiten erlauben kann. Auch dieser Tabuverlust zeigt, daß wir uns von dem Schwarzweiß des Jahres 1969 inzwischen soweit entfernt haben wie von den Graffitis in "Alma Mater": "Solidarität mit den 18 Filmgenossen" oder "Ficken ist eine Waffe im Klassenkampf".

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