Kultur : Fernsehzimmer: Warum, wofür, wogegen?

Lutz Hachmeister leitet das Kölner Fernseh- u

Lutz Hachmeister leitet das Kölner Fernseh- und Filmfest und ist Geschäftsführer der Medienagentur HMR International.

Wahrscheinlich ist "Spiegel-reporter" eine lesenswerte Zeitschrift. In dem Monatsblatt von der Hamburger Brandstwiete schreiben preisgekrönte Journalisten, das Verlagshaus steht seit Jahrzehnten für publizistische Qualität. Trotzdem habe ich mich mit dem Reportermagazin nicht anfreunden können. Die Lektüre war immer von der untergründigen Frage nach dem Existenzgrund dieses "Spiegel"-Ablegers überlagert. Einige Reportagen könnten ebenso gut im wöchentlichen "Spiegel" stehen, andere auch in "Max" oder im "stern". Das jüngste Heft bestätigt das Unbehagen. Die Titelgeschichte widmet sich dem Kampf des Menschen gegen das Fett. Es gibt ein Portrait über die neue Verbraucherschutz-Ministerin Künast, es wird die Frage gestellt, ob Banken die Börsenkurse hochgejubelt haben, und warum der Modeschöpfer Yves Saint-Laurent in der Welt der Luxuskonzerne keinen Platz mehr hat. "Die letzte Gefangene der RAF" ist eine schöne Reportagenüberschrift, aber die Fixierung der Meinhof-Tochter Bettina Röhl auf Außenminister Fischer ist im "Spiegel" selbst und auch anderswo schon hin- und hergewendet worden. Wahrscheinlich nicht so stilsicher wie in "Spiegel-reporter", doch die Melodie ist schon durchgespielt.

Redundanz, Kannibalisierung, Überdehnung publizistischer Marken, das sind Phänomene, die das Unbehagen an einer hochtourig im Leerlauf durchdrehenden Mediendustrie begründen. Publizistik war lange Zeit in ihrem Kern durch eine politische oder kulturelle Wirkungsabsicht gekennzeichnet. Reine Geschäftemacherei und bloße Volksbelustigung hat es auch im Journalismus immer gegeben, aber in der Regel wusste man doch, warum, wofür und wogegen geschrieben, gesendet oder gefunkt wurde. Hergebrachte ideologische und politische Kampflinien sind heute nachhaltig durchbrochen, die Kapitalvermehrung dominiert als Leitphilosophie auch das publizistische Gewerbe, und der ständig ratternde Medien-Maschinenpark gebiert den täglichen Terror der Inhaltewirtschaft. Informationsvermeidung wird zur Überlebensdevise des aufgeklärten Zeitgenossen, obwohl die Zahl der gesellschaftlichen Probleme, über die es zu schreiben und diskutieren lohnte, sicherlich nicht geringer geworden ist.

Die Medienindustrie ist von der einst politisch, intellektuell oder ästhetisch motivierten Aussageproduktion dazu übergegangen, einfach nur Plätze zu besetzen, Verwertungsketten aufzubauen, Ideen auszuschlachten, Personal outzusourcen. Irgendwann merkt das Publikum die Absicht, und ist verstimmt, wie unser erster und einziger Propagandaminister zu sagen pflegte. Beim "Spiegel" wird mitunter im Online-Dienst ein Prominenter interviewt, und dann findet sich im gedruckten Heft in der gleichen oder kommenden Woche ein weiteres Gespräch mit derselben Person, mit etwas ausgefeilteren Fragen. "SPIEGEL-TV" hat schon vor geraumer Zeit seine diversen Formate bei RTL, Vox und SAT.1 reduzieren müssen - der Umschlag von journalistischer Qualität in die Quantität von Umsatz und Gewinn, so musste man im Verlagsmanagement erkennen, hat tatsächlich seine Grenzen.

Beim Fernsehen hat die formale Okkupation von Frequenzen und Kabelplätzen besondere Blüten getrieben. Auf NBC Europe gibt es Giga-TV, der mysteriöse Musiksender Onyx hat ein Fenster für Spielfilme der Münchener Kinowelt und demnächst für den RTL Shop, auf dem ursprünglichen Frauensender tm 3 sahen Fußballfans die Champions League und Viva II wird gerade an die Kölner Produktionsfirma Brainpool oder an RTL unterlizensiert, für was auch immer. Angeblich sind die Kabelplätze für Fernsehsender knapp - an einem Überangebot sinvoll geplanter TV-Projekte kann das nicht liegen. Auch bei den etablierten Fernsehstationen verweigern sich die Konsumenten der Beliebigkeit neuer Sendekonzepte: wofür braucht man "zdf.reporter"? Oder Josef Andorfers Supershow "Multi-Millionär"? Das fragen sich offenbar nicht nur Fachleute. Das unterforderte Fernsehpublikum sammelt sich bei Günther Jauch und zeithistorischen Reprisen.

Die Medienindustrie wird das Verhältnis zwischen publizistisch motivierten Projekten und solchen, die lediglich der Konkurrenzabwehr und reiner Platzbesetzung dienen, neu bestimmen müssen. Sonst versinkt sie im Morast der verrotteten Inhalte, die sie selbst produziert. Ein Leitmotiv für das Abspecken und Entfetten haben paradoxerweise Werbestrategen vorgegeben, die man gemeinhin für die Exzesse der Überflussgesellschaft verantwortlich macht: Reduce to the Max - nicht nur einer der besten Slogans der letzten Jahre, sondern praktische Medienphilosophie.

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