Kultur : Fernwehtöne

Die Bratsche ist der Star der Musiksalon-Konzerte

Volker Hagedorn

Nadelbaumduft weht durch die offenen Terrassentüren ins Musikzimmer, melancholische Bratschentöne wehen hinaus. „Liebesleid“. Fritz Kreislers Arrangement könnte hier schon erklungen sein, als die Villa gerade fertig war, 1923. Der Bauherr Hermann Knobloch schätzte die Kultur hoch wie so viele jüdische Bürger Berlins. Aber schon 1926 sah sich der Unternehmer genötigt, das Anwesen zu verkaufen, 1936 ging die Familie ins Exil. Ihre Villa ist einer der vielen Orte abgebrochener bürgerlicher, jüdisch-deutscher, europäischer Kultur.

Sie ist aber auch einer der wenigen Orte, an denen Musik fast sofort nach der Barbarei signalhaft die Erstickung beendete. Die Berliner Philharmoniker haben 1945 im Garten aus geretteten Partituren Mendelssohn gespielt, Schönbergs Freund Josef Rufer rehabilitierte hier die „entartete Musik“, gab die legendäre Zeitschrift „Stimmen“ heraus.

Seit drei Jahren gibt es im „Haus am Waldsee“ die „Konzerte in der Kunst“, in dieser Saison folgt man mit einer Bratschen-Reihe dem Imageboom, den das Instrument in den letzten 20 Jahren erlebt hat. Zwei zentrale Werke, mit denen die Bratsche zur Spezialistin für Melancholie und Sehnsucht wurde, hat nun der norwegische Bratscher Lars Anders Tomter mitgebracht. So, wie er nach rasenden Balladen den Schluss von Schumanns „Märchenbildern“spielt, hat man ihn noch nicht gehört, so herzzerreißend traurig und bescheiden. Es ist eine Musik nach unwiderbringlichem Verlust, eine Mignon, die nie ins Land der blühenden Zitronen wird gelangen können. Im ersten Bild hat man es noch von fern sehen können wie durch hohe Fensterbögen, nun aber ist der Ambitus gering, da wagt einer nicht mehr aufzublicken.

Im Andante der f-Moll-Sonate von Brahms meint man dieselbe Situation aus einiger Entfernung zu sehen. Solche Stimmungen liegen dem Norweger. Attackierenden Zugriff setzt er dagegen nicht bis ins Extrem ein – was nötig wäre, wenn sich der Pianist Christian Ihle Hadland im Finale vollgriffig in die Tiefe meißelt. Freilich ist die Akustik so knallig, dass ein paar dämpfende Textilien nicht schaden könnten. Bei solchem Schalldruck wird die Transkription der Cellosonate Op. 36 von Edvard Grieg zum Bratschenkonzert, voller Kaskaden, die ihr Echo in den eruptiven Passagen eines Stücks von Ragnar Söderling finden. Die „Friesische Landschaft“, von Nolde inspiriert, im Jahr 2000 komponiert, ist beschaulich bis bekömmlich, beeindruckt aber mit glühenden Farbausbrüchen, wie sie nur die Bratsche hinkriegt.

Das „Liebesleid“ aber bekommt bei Tomter eine erzählende Dimension, wird durchsichtig für den Blick auf dieses Musikzimmer, wie es anfangs war. Das Uneingelöste der jüdischen Geschichte Berlins hat Hartmut Lange in seinem Roman „Das Konzert“ realisiert, wo die Toten mitten in unserer Gegenwart, in einer Parallelwelt, sich in ihren Salons an den Flügel setzen und da anknüpfen, wo man sie herausriss. Ein wenig berühren sich diese Welten hier am See. Volker Hagedorn

Am 11. Juli spielt das Ensemble Mediterrain, 18.30 Uhr.

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