Kultur : Ferry, Butzi, Burri

JÖRG UTHMANN

Roland Barthes verglich das Automobil mit den gotischen Kathedralen.Beide seien "großartige, von Unbekannten entworfene Schöpfungen".Das würde er heute vermutlich nicht mehr schreiben.In den letzten Jahrzehnten hat sich unser Auge für die Ästhetik der industriellen Massenproduktion geschärft.Viele der Designer sind aus dem Halbdunkel der Geschichte ans helle Licht getreten.Das 1989 gegründete Londoner Design Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Ruhm der unbesungenen Helden unseres Alltags weiter zu mehren.Die derzeitige Ausstellung ist Ferdinand Porsche und seiner kreativen Familie gewidmet.

Im thüringischen Reuß war es eiserne Hausregel, daß der regierenden Fürst den Namen Heinrich trugt.Bei den Porsches heißen die Kronprinzen Ferdinand.Um Verwechslungen mit dem Ur-Ferdinand zu vermeiden, werden sie nach ihren Spitznamen zitiert.Sohn Ferdinand, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Schritt von der Konstruktion zur Produktion tat, ist "Ferry", Enkel Ferdinand, der Schöpfer des berühmten Rennwagens 911, "Butzi", ein anderer Enkel, VW-Chef Ferdinand Piech, "Burri".

Der Ur-Ferdinand, der aus dem Sudetenland stammte, war Ingenieur, Designer und Rennfahrer in einer Person.Seine Leidenschaft für das neue Vehikel brachte ihm die Ehre ein, seinen Militärdienst als Fahrer des k.u.k.Thronfolgers - noch ein Ferdinand! - zu absolvieren.1909 steuerte er bei der Prinz-Heinrich-Rallye das von ihm entworfene Serienmodell "Maja" von Austro-Daimler - so genannt nach einer Tochter des Daimler-Vertreters Jellinek, ihre Schwester hieß Mercedes - und hängte die Konkurrenz mit der abenteuerlichen Geschwindigkeit von 140 Stundenkilometern souverän ab.1923 folgte er einem Ruf ins Mutterhaus nach Stuttgart.Aber das ging nicht gut: Im Ländle wollte man von seinen hochfliegenden Plänen mit Rennwagen nichts wissen.1928 trennte man sich im Streit.Zwei Jahre später eröffnete Ferdinand Porsche in Stuttgart sein eigenes Konstruktionsbüro.

Es war die Zeit, in der auch hartgesottene Geschäftsleute begriffen, daß ein ansprechendes Design mehr ist als nur eine ästhetische Spielerei.Bis dahin hatte sich die äußere Form der Automobile an ihren Vorgängern, den Pferddroschken, orientiert.Die Weltwirtschaftskrise ließ die Nachfrage nach Automobilen drastisch sinken.Zusätzliche Anreize waren nötig, um die Kundschaft zum Kauf zu überreden.Einer davon war die Geschwindigkeit.Die Suche nach der idealen Stromlinienform beschäftigte nicht nur die Konstrukteure von Automobilen, sondern auch von Eisenbahnen und Flugzeugen; das streamlining erfaßte selbst Bleistiftspitzer, Wolkenkratzer und die Figur des "Oscar".Mit seinem am Fließband gefertigten T-Modell hatte Henry Ford bewiesen, daß ein für jedermann erschwingliches Auto keine Utopie war.

Porsche schwebte ein deutsches Gegenstück vor, doch stieß er bei der Industrie auf wenig Gegenliebe.Gehör fand er dagegen bei dem neuen Führer des Reiches, der selber gar keinen Führerschein besaß.Hitler ordnete an, die kostspieligen Vorarbeiten aus den Mitteln der Deutschen Arbeitsfront zu finanzieren.Der Kriegsausbruch verhinderte die Auslieferung des "KdF-Wagens", wie der Volkswagen offiziell hieß: Die 300 000 Anwärter, die bereits den vollen Preis von 990 Mark bezahlt hatten, verloren ihren Einsatz.Während des Krieges wurden in Wolfsburg nach dem Muster des VW Schwimm- und Kübelwagen gebaut.Nur die von Erwin Komenda entwickelte Käferform war den Abnehmern zu unmilitärisch und mußte geändert werden.Daß der Käfer nach dem Krieg mit 21 Millionen Stück das erfolgreichste Auto aller Zeiten und der Inbegriff des Wirtschaftswunders werden sollte, ahnte niemand.

Die Londoner Ausstellung zeigt die Geschichte des Hauses Porsche von den Anfängen bis zur Gegenwart.Die Lohner-Porsche-Chaise von 1900, in der Ferdinand Porsche den Erzherzog Franz Ferdinand herumkutschierte, fehlt ebensowenig wie die legendären Rennwagen der Nachkriegsjahre.Vom VW-Cabrio ist einer der beiden erhaltenen Prototypen zu sehen, ein Geburtstagsgeschenk für Hitler.Miniaturmodelle, Konstruktionszeichnungen und Fotografien ergänzen die Originale, vor denen so mancher neugierige Besucher auf den Knien liegt.

Die Ausstellung verschweigt nicht, daß die Kriegsjahre, in denen Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in Wolfsburg militärisches Gerät produzierten, über die Erfolgsstory der Porsche-Dynastie einen Schatten werfen.Doch tut sie dies sachlich und ohne die salbungsvolle Selbstgerechtigkeit, in die man in England oft verfällt, wenn vom Zweiten Weltkrieg die Rede ist.Wie das Stück über die Kriegsjahre Werner Heisenbergs ("Copenhagen"), das derzeit im Londoner Nationaltheater zu sehen ist, wissen die Veranstalter zwischen Genie und Charakter zu unterscheiden.

Bis 31.August.Katalog 19,95 Pfund

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