Kultur : Fest der Geschmeidigkeit

Jörg Königsdorf

In der Seele des Philharmonikerklang-Süchtigen nagt die Frage schon lange: Was wird übrig bleiben von der schönen Klangpolitur, wenn Simon Rattle sein Schmirgelpapier ausgepackt hat und uns in die Ohren reibt, dass Mozart, Beethoven und Haydn zu ihrer Zeit Musikrevolutionäre waren und in ihren Sinfonien bewusst mit spröden und widerborstigen Tönen kalkuliert haben? Doch keine Angst - die beruhigendste Erkenntnis aus diesem Philharmoniker-Konzert ist die, dass sich das Wissen um das Musizieren im 18. Jahrhundert und das Sinfonieorchester des 21. Jahrhunderts doch vertragen können - zumindest, wenn der Dirigent Roger Norrington heißt.

Gleich zwei Mozart-Sinfonien hatte Sir Roger in der Philharmonie diesmal aufs Programm gesetzt, doch von Eintönigkeit keine Spur. Wie seine Kollegen Harnoncourt, Gardiner und Rattle beherrscht Norrington das Vokabular der Alten Musik aus dem Effeff und reizt schon die Einleitung zur "Prager" Sinfonie im Sinne einer opernhaften Licht-und Schatten-Dramaturgie aus. Mit wenig Bogendruck lässt er die Geigen später das Hauptthema seifenblasenleicht artikulieren, entwickelt das ganze Stück aus dem Gegensatz zwischen graziöser Melodik und auftrumpfender, beinahe nachbarocker Festlichkeit heraus. Alles von der Alten Musik ist da: Agogik, Transparenz und Stilgefühl, aber auch die Geschmeidigkeit und der Glanz des klassischen Philharmoniker-Sounds. Das Resultat fasziniert: Sowohl die "Prager" als auch die Es-Dur-Sinfonie entfalten einen Atem, der im Kopfsatz des Es-Dur-Werks schon fast an die "Eroica" denken lässt. Norringtons Mozart bekommt jedoch nie eine unangemessen romantisierende Wuchtigkeit, weil er die Einzelstimmen durchgehend zum anmutigen, kammermusikalischen Dialog animiert. Eine Idealmischung von Detail und großer Linie, die auch William Waltons Violinkonzert prägt. Der junge Joshua Bell spielt dieses einschmeichelnde, filmmusiknahe Stück mit selbstverständlicher Virtuosität, rundem, vollem Ton und einem untrüglichen Gespür für Sentiment.

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