Kultur : "Fest der Kontinente": Die Welt ist nicht genug

Heute beginnt das von Ihnen organisierte Fest der

Die Schauspielerinnen Eva Mattes, Nina Hoss und Angela Winkler bilden zusammen mit der Kulturmanagerin Irmgard Schleier den Vorstand des Vereins "Fest der Kontinente". Das gleichnamige Musik- und Theaterfestival startet heute Abend mit einem Chorkonzert in der Gethsemane-Kirche am Prenzlauer Berg. Eva Mattes, Angela Winkler und Angelica Domröse werden durch das Programm mit Ensembles aus Georgien, der Mongolei und Bulgarien führen. Mattes und Schleier haben von 1986 bis 1999 ein ähnliches Festival - die "Hammoniale" - in Hamburg veranstaltet, bevor sie sich für einen Neuanfang in Berlin entschieden. Wie schon in Hamburg arbeiten Musiker und Schauspieler ehrenamtlich und versuchen so, die Arbeit auch unbekannterer Künstler zu unterstützen. Bei der Abschlussveranstaltung, dem Fest "Vielfalt der Stimmen", werden am 23. Juni auch Dagmar Manzel, Eva-Maria Hagen, Corinna Harfouch, Eva Mattes und Angela Winkler als Sängerinnen auftreten.

Zum Thema Online Spezial: Fest der Kontinente Heute beginnt das von Ihnen organisierte Fest der Kontinente. Ist das, was Sie vorhaben, nicht schon das ganze Jahr über im Haus der Kulturen der Welt zu sehen?

Mattes: Das Haus der Kulturen der Welt hat uns doch erst hierher geholt. Um es zu unterstützen. Es wird Aufführungen auch an der Schaubühne und in der Philharmonie geben. Und in die großen Häuser gehört das Programm auch hinein.

Schleier: Die Theater und Opernhäuser sind bis heute für unsere Themen keineswegs offen. Und auch mit den Behörden war es nicht einfach. Ohne die prominenten Namen würde das überhaupt nicht laufen. Fast alle Künstler, die hier auf dem Programm stehen, sind noch nie in Berlin aufgetreten. Wir finden es Wert, das zu zeigen. Würden andere sie zeigen, müssten wir das nicht tun.

Winkler: Das sind ja ganz besondere Kulturen, der Pygmäen-Chor aus Zentralafrika etwa. Wir Künstler lassen uns ja inspirieren von der Kunst anderer Völker, sonst würde es ja auch keine Entwickung geben.

Schleier: Wichtig ist uns, europäische Kultur in Bezug zu setzen zu außereuropäischer. Das Festival ist ein künstlerisches Plädoyer für kulturellen Reichtum und die Gleichwertigkeit dieser Künstler aus aller Welt.

Was passiert denn genau?

Mattes: Es kommt zum Beispiel eine Sängerin aus Tibet, die ich im Eröffnungskonzert vorstellen werde. Yungchen Lhamo gilt als die Stimme Tibets. Ich werde erzählen, wie sie über die Berge aus ihrer Heimat mit ihrem kleinen Sohn fliehen musste. Für ihr Leben war das eine schicksalhafte Wendung. Alles, was sie auf ihre Reise mitnehmen konnte, war ihre Stimme. Damit beginnt das Programm heute in der Gethsemane-Kirche.

Was sind die Höhepunkte des Festivals?

Schleier: Aus Südindien kommt das Tanztheater Kutiyattam nach Berlin, das es seit fast zweitausend Jahren gibt. Damit können wir uns auf eine Zeitreise zu den Wurzeln des Theaters begeben. Es ist der erste Auftritt einer Gruppe in Berlin, die zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Ein Highlight ist auch der Aufritt der Choreografin Sen Hea Ha und ihrer Tanzgruppe aus Korea zur Musik von György Ligeti.

Wer von Ihnen ist wofür im Festival-Programm zuständig?

Schleier: Wir verantworten das Programm gemeinsam. Jeder von uns Künstlern im Verein kennt jemanden in anderen Ländern und der kennt wiederum andere. So entsteht durch persönliche Kontakte ein internationales Netzwerk. Die Organisation wird dann von unserem Festivalbüro geleistet.

Wieviel öffentliches Geld haben Sie bekommen?

Schleier: 1,1 Millionen Mark für 2001, aus dem Hauptstadtkulturfonds und vom Außenministerium für Auftragsproduktionen und Erstaufführungen. Das ist wenig. Aber das ist nicht alles, wir haben Sponsoren und Partner dazugewonnen ...

Mattes: ... und unsere ehrenamtliche Arbeit trägt auch einiges bei.

Sie sind ein kleiner Verein. Dennoch versammeln Sie in Ihrem Kuratorium etliche Namen von politischem Rang, Hans-Dietrich Genscher, Eberhard Diepgen und Wolfgang Thierse zum Beispiel. Haben Sie keine Angst vor zu viel Nähe?

Mattes: Nein, überhaupt nicht.

Frau Hoss, Sie sind neu dabei.

Hoss: Ja, das Programm bestand schon, als ich dazugestoßen bin. Für mich ist es Neuland, aber ein spannendes. Als ich dazukam, hat mich beeindruckt, was die drei hier zu Stande gebracht haben; nämlich zwanzig Jahre lang jedes Jahr ein Festival auf die Beine zu stellen. Ich finde es ganz toll, dass Künstler diese Anstrengung machen, sich nicht nur zurückziehen. Wir sind sonst als Schauspieler an der Entwicklung von Programmen selten beteiligt.

Und was reizt Sie an der Idee des Festivals?

Hoss: Ich war oft in Brasilien, dort habe ich die Indios kennen gelernt und bemerkt, wie arrogant viele Europäer diesen Kulturen gegenüber sind. Das ist das Eine. Und dann gibt es in zweieinhalb Wochen ja noch den Abschlussabend ...

...mit dem Fest "Vielfalt der Stimmen" ...

Winkler: ... da treten wir alle gemeinsam auf ...

Hoss: ... und es wird hoffentlich schön mit unseren Liedern und Texten.

Hinter dem Programm steht offensichtlich ein multikulturelles Gesellschaftsmodell.

Mattes: In Kreuzberg, wo ich lebe, da brodelt es schon, auch in Prenzlauer Berg. Die Feindseligkeit ist hier als Empfindung schon angekommen. Und dagegen etwas zu tun, dazu kann auch die Kultur einen Beitrag leisten. So verstehen wir unsere Arbeit beim Festival.

Glauben Sie wirklich, dass Sie bei denen, die in Kreuzberg für schlechte Stimmung sorgen, etwas bewirken?

Schleier: Es geht der Kunst nie darum, sofort politische Wirkung zu erzielen.

Frau Hoss, als der Vietnam-Krieg endete, waren Sie noch nicht geboren. Im Programm gibt es ein "Requiem für Vietnam". Wie wichtig ist Vietnam für Ihre Generation?

Hoss: Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, da gehörte es dazu, in Mutlangen gegen die Nachrüstung zu demonstrieren. Und in Brasilien habe ich gelernt, wie glücklich die Menschen dort sind trotz all ihrer Probleme. Das hat mit ihrer Kultur zu tun. Wir wissen viel zu wenig darüber. Wir müssen uns anderen Kulturen öffnen, uns dafür interessieren.

Und selber einmal in Brasilien auftreten, quasi als Dialog?

Hoss: Ich kann mir das sehr gut vorstellen.

Der Vorgänger des Festivals fand in Hamburg statt, passt es besser nach Berlin?

Mattes: Berlin ist einfach riesengroß, flächenmäßig viel größer als Paris. Aber wenn ich an Paris denke, dann habe ich eine große Vielfalt vor Augen, in der Metro, auf der Straße: Gelbe, Schwarze, Weiße, Rote. Viel mehr Kulturen als hier in Berlin. Berlin muss noch internationaler, weltoffener werden.

Winkler: Als Künstler werde ich inspiriert von viele Eindrücken. Ich bin überzeugt davon, wenn ich nicht eine behinderte Tochter hätte und nicht beim Behindertentheater RambaZamba mitwirken würde, dann würde ich gar nicht so spielen, wie ich spiele. Die Zusammenarbeit mit diesen so genannten Randgruppen ist mir sehr wichtig.

Die sonst keiner sehen will.

Winkler: Das sind Vorurteile, die viele Mensche noch haben. Das zu ändern, ist unser Engagement.

Und Ihr Festival soll das leisten?

Schleier: Das Missionieren interessiert uns weniger. Wir wollen gute Künstler zeigen. Und zwar für uns in diesem Land. Wir wollen es nicht für die Schwarzen, die aus Afrika kommen und für die Chinesen und für die Inder mit ihre reichen Kulturen in armen Ländern. Wir brauchen diese künstlerischen Anregungen für uns, für unsere Kultur und unsere Zukunft.

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