Festival : Anders als die anderen

Das Independent-Festival im Filmkunst 66 zeigt 24 Arthouse-Produktionen

Anja Brandt

Schroffe Natur, urzeitlich und frei von jeglicher Moderne. Gnadenlose Barbarei. Es wird kaum ein Wort gesprochen. Inmitten dieser Szenerie irgendwo an der ungarischen Donau verlieben sich zwei junge Menschen, Schwester und Bruder. Er (Félix Lajkó) ist gerade ins triste Heimatdorf zurückgekehrt und will im Wasser ein Haus auf Pfählen bauen. Die Schwester (Orsi Tóth) geht mit; und während sie Holzscheit an Holzscheit hämmern, ohne viel zu reden, werden sie Liebende. Die Dorfbewohner wittern den Inzest und bestrafen ihn mit eiskaltem Lynchmord. „Delta“ heißt der Film von Regisseur Kornél Mundruzcós (Ungarn 2008), dessen Figuren man so schnell nicht vergisst.

Bei „Synechdoche, New York“ von „Being John Malkovich“-Autor Charlie Kaufman ist das ähnlich. Philipp Seymour Hoffman spielt einen hypochondrischen Theaterregisseur, der sein Leben und halb New York auf die Bühne bringt. Es werden Originale mit Doppel- und Tripelgängern vermischt, Vergangenes mit Gegenwärtigem, in einem bewohnten Haus lodern permanent Flammen – bei „Synechdoche“ muss man nicht alles verstehen.

„Delta“ und „Synechdoche, New York“ sind zwei von 24 Arthouse-Produktionen, die Franz Stadler ins Programm seines diesjährigen Independent-Filmfestivals im Filmkunst 66 aufgenommen hat. Ab dem heutigen Donnerstag werden im Kino in der Bleibtreustraße zwei Wochen lang täglich drei Filme gezeigt; abgesehen von Produktionen wie der schwedischen Synchronschwimmer-Komödie „Männer im Wasser“ (Kinostart: 19. August) haben 18 davon hierzulande noch keinen Verleih.

Warum? Den Filmen fehlt es an Geld und einem hohen Starfaktor. Jenseits der Blockbuster mit einem sicheren Platz im Startkalender bedeuten geringe Budgets und weniger bekannte Regisseure und Darsteller oft das Kino-Aus. „Nicht interessant“ sind für Verleiher oft selbst solche Filme, die erfolgreich auf großen Festivals wie Cannes liefen. Entfällt der Eventfaktor, haben etliche Produktionen lediglich noch eine Chance, auf DVD herauszukommen oder in kleinen Programmkinos mit Aversion gegen Hollywood-Schmus. Bei Programmkinomacher Stadler entscheidet die Qualität eines Films, ob er ihn in seinen zwei Sälen zeigt oder nicht. In diesem Jahr hat die Reihe keinen thematischen Schwerpunkt. „Der rote Faden ist, dass alle Filme gut, intelligent und unterhaltsam sind“, sagt Stadler.

Wie „Václav“ (Tschechien 2007) von Jirí Vejdelek. Mittvierziger und Autist Václav (packender Ivan Trojan) lebt mit seiner Mutter (Emília Vášáryová) in einem kleinen tschechischen Dorf. Unangepasst und wild macht er, was er will – zum Ärger der Anwohner. Der „Dorftrottel“ gehört ins Heim, findet auch der Bruder. Die Mutter steht zu ihrem Sohn, und auch Lida (Sona Norisová), die eine Affäre mit Václavs verheiratetem Bruder hat, ergreift Partei für ihn. Als sich Václav der nebulösen Vergangenheit seines toten Vaters nähert, rastet er aus und landet im Knast. „Warum wollen sie, dass er so ist wie alle anderen?“, fragt passend der Untertitel. Ja: warum? Der Film basiert übrigens auf einer wahren Begebenheit. Tragisch, und witzig zugleich.

„Un Barrage contre le Pacifique“ bringt das autobiografische Buch der Französin Marguerite Duras mit dem deutschen Titel „Heiße Küste“ auf die Leinwand. In 115 Minuten erzählt Regisseur Rithy Panh die Geschichte einer Mutter (Isabelle Huppert), die mit Sohn (Gaspard Ulliel) und Tochter (Astrid Bergès-Frisbey) in den 1930er-Jahren an der Pazifikküste Indochinas an vielerlei Fronten kämpft. Die korrupte Bürokratie will der Familie das Reisfeld nehmen, das ständig überschwemmt wird und wenig Ertrag bringt. Ein reicher Händlersohn umwirbt die 16-jährige Tochter und könnte der Familie aus der Misere helfen. Kritiker nennen „Un Barrage contre le Pacifique“ einen „Film von tiefster Sinnlichkeit“ („Le Parisien“) oder bescheinigen ihm „reine und klare Schönheit“ („Madame Figaro“). Zwar nervt Bergès-Frisbeys allzu naives Spiel der Suzanne, doch fesseln die Kambodscha-Aufnahmen – und Huppert in der Rolle der zugrunde gehenden Mutter lohnt den Kinobesuch allemal.

Der größte Teil der Festivalfilme ist anspruchsvolle, gehaltvolle Kost. „Deprimierende Filme haben genau wie osteuropäische Produktionen kaum eine Chance, ins Kino zu kommen“, erklärt Stadler. Und da der Kinomacher etwas gegen solche „Schwafelfilme“ hat, richtet er den Bildern, die umso mehr Wucht und Wirkung zeigen, erneut ein Sommerfest aus. Anja Brandt

Bis 4. August im Filmkunst 66. Infos: www.filmkunst66.de

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