Festival Atonal in Berlin : Schöner dröhnen

Beim Atonal-Festival traten zum Auftakt im Berliner Kraftwerk unter anderem Peter Zinovieff und Lucy Railton sowie Moritz von Oswald und Rashad Becker auf.

Volker Lüke
Die Cellistin Lucy Railton und der Synthesizer-Pionier Peter Zinovieff.
Die Cellistin Lucy Railton und der Synthesizer-Pionier Peter Zinovieff.Foto: Festival

Petrus liebt das Atonal! Pünktlich zur Eröffnung der vierten Ausgabe des 2013 nach langer Pause wiederbelebten Atonal-Festivals läuft der Sommer noch mal zu Hochform auf. Dabei ist es eine surreale Erfahrung, von der Köpenicker Straße in die kühle Dämmerung des einstigen Heizkraftwerks zu treten, das zum audiovisuellen Erlebnispark und begehbaren Klangkörper wird.

Mit ihren 30 Meter hohen Decken und verwinkelten Räumen ist die gewaltige Industriekathedrale der ideale Ort für die Wahrnehmungsexperimente des Festivals, das 1982 vom späteren Tresor-Gründer Dimitri Hegemann initiiert wurde und großen Anteil daran hat, das Berlin ein Mekka für unerhörte Neutöner und Klangbastler geworden ist.

An fünf Abenden werden Einblicke in das muntere Treiben geboten, das an der Schnittstelle von Geräuschmusik und Clubkultur stattfindet. Mit Konzerten zwischen Ambient, Drone, Noise und Techno, DJ-Sets, Installationen, Filmprojektionen. Über 100 Künstler treten auf: unter anderem Death In Vegas, die am Sonnabend ihr aktuelles Album „Transmissions“ als audiovisuelle Liveshow vorstellen.

Kurt Dahlke alias Pyrolator tritt am Sonntag auf

Gespannt sein darf man auch auf die Weltpremiere von „Unnatural Channel“, einem Projekt von Drew McDowall (Coil, Psychic TV) und Florence To (Freitag); weitere Höhepunkte sind die Rückkehr des Dub-Techno-Duos Porter Ricks und der Auftritt von Kurt Dahlke alias Pyrolator (Fehlfarben), der mit seinen Rekonstruktionen der Musik Conrad Schnitzlers den Einfluss des 2011 verstorbenen Konzeptkünstlers auf den Berliner Techno herausarbeitet (Sonntag).

Eröffnet wird das Festival aber von einem Pionier der elektronischen Musik, auch wenn ihn kaum einer kennt, obwohl er maßgeblich dazu beigetragen hat, dass wir heute gerne Maschinenmusik hören: In den sechziger Jahren gründete der gelernte Geologe Peter Zinovieff in London das Electronic Music Studio (EMS), das mit seinen kompakten Analog-Synthesizern wie dem legendären VCS3 Musikgeschichte schrieb.

Roxy Music, Pink Floyd, The Who, Tangerine Dream oder Kraftwerk machten sich die innovative Technik zunutze, die später auch von jungen Musikern aus der Techno- und Ambient-Szene entdeckt wurde und der Firma zu einem Revival verhalf. Dabei sind auch frühe Elektro-Stücke von Zinovieff wieder aufgetaucht, die im letzten Jahr erstmals als Album erschienen sind.

Die Klänge zerfallen und kommen dann wieder sehr nahe

Davon gibt es leider nichts zu hören. Dafür steht ihm die Cellistin Lucy Railton zur Seite, die sich mächtig ins Zeug legt und die erstaunlichsten Töne von den Saiten schrammelt, während Zinovieff am Laptop sitzt und das bedrohliche Potenzial eines Keyboard-Parks aus den Boxen purzeln lässt. Es entsteht eine zäh fließende Grummelmusik, deren Einflüsse von alter Studio-Elektronik bis zur Zwölftonmusik reichen und die sich nicht daran stört, dass der technologische Fortschritt Zinovieffs Ansatz längst überholt hat.

Ganz anders Moritz von Oswald, der anschließend mit seinem alten Kumpel Rashad Becker auftritt: Von Oswald spielt am Flügel flüchtige Akkorde, während Becker am Elektropult eigensinnige Bewegungen in dunklen Geräuschräumen moduliert. Die Klänge zerfallen und kommen dann wieder sehr nahe, wie beiläufig dahingeklimpert, von Umgebungsgeräuschen eingerahmt und von beinahe nichts zusammengehalten, aber doch von immenser Tiefe und Komplexität. Ein tagträumerische Qualität, die Scott Monteith völlig abgeht. Der kanadische Wahlberliner dröhnt angestrengt erhaben herum. „Qawalli Quatsch“ nennt sich sein vom Qawalli-Gesang und der Sufi-Musik inspiriertes Projekt, ein warnendes Beispiel dafür, wie leicht Techno-Rezeption von Weltmusik sich in öden Esoterik-Sounds verlieren kann.

Kreischende Sinustöne und bollernde Tieftonfrequenzen

Richtig finster wird es, als der Brite Russell Haswell das Publikum um Mitternacht zur Stage-Null-Bühne im unteren Teil des Kraftwerks lockt und die schöne Festivaltradition nihilistischer Schmerzensmusik pflegt. Dabei verwendet der beliebte Noisemaker Geräusche, die physische Reaktionen hervorrufen und so einprägsam sind wie die Betriebsgeräusche einer Kernspintomografie: kreischende Sinustöne und bollernde Tieftonfrequenzen, die im Stroboskoplichtgewitter die Bereiche des Hörbaren durchbohren und mit scharfen Schnitten einen technoiden Flackergroove gestalten. Ein echter Härtetest, aber auch ein kluges Bekenntnis zum immateriellen Klang der Materie. Wer das als bedrohlich empfindet, muss lernen, sich diese fremdartige Schönheit zu erklären. Dabei ist es wie oft nach dem Aufwachen: Von den wenigsten Träumen kann man erzählen.

Bis 28.8., Kraftwerk, Köpenicker Str. 70

0 Kommentare

Neuester Kommentar