Festival Berlin-Jakarta : Mit Löffeln sprechen

Der indonesische Künstler Agus Nur Amal erweckt Gegenstände zum Leben. Auf dem Berlin-Jakarta-Kulturfestival zeigt er sein Objekttheater

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Kunstkopf. Unter dem Künstlernamen PMtoh bringt Agus Nur Amal den Alltag Jakartas auf die Bühne. Foto: promo
Kunstkopf. Unter dem Künstlernamen PMtoh bringt Agus Nur Amal den Alltag Jakartas auf die Bühne. Foto: promo

Wahrscheinlich hat jeder Künstler einen Meister. Der indonesische Objekttheatermacher Agus Nur Amal hat seinem master ein Jahr lang gedient, 20 Jahre ist das her. Er lebte mit ihm unter einem Dach in Aceh, im Nordwesten der Insel Sumatra, ein paar Meter vom Meer entfernt, verkaufte Medikamente auf den Dörfern, nahm Aufgaben entgegen: „Jeden Abend sollte ich Strandgut sammeln, einen Schuh, eine Kokosnuss, und mit den Dingen sprechen. Warum, fragte ich? Weil es das Denken flüssig macht, sagte er.“

Agus Nur Amal nimmt einen Kaffeelöffel in die Hand, hält ihn waagerecht und lässt ihn langsam hin- und herschaukeln. „Ein Löffel kann ein Boot sein.“ Er nimmt einen weiteren Löffel, aus der Zuckerdose, klemmt ihn dazu, brummt ein wenig: Schon wird das Boot zu einem Flugzeug. „Wir müssen zur imaginativen Kraft der Kindheit zurück“, sagt er im Gespräch. Wenn Agus nun während des ersten Berlin-Jakarta-Kulturfestivals auftritt, das bis zum 3. Juli 144 zeitgenössische Künstler aller Sparten vorstellt, wird er auf jeden Fall den Müll, den er vor seinem Hotel entdeckt und heimlich in der Nacht mitgenommen hat, in seine Vorstellungen einbauen: einen Teller, zwei Bierflaschen. Was er am Spielort findet, wird Teil seines Objekttheaters.

Er verzichtet bei seiner Kunst, in der er die traditionelle Rolle des Dalang, des Geschichtenerzählers, annimmt, der meist als Schattenspieler mit Puppen auftritt, auf die Begleitung durch das Gamelan, das traditionelle indonesische Musikinstrumentenensemble. „Kinder machen auch alle Geräusche selbst, sie haben ihren Spielsinn noch nicht verloren“, sagt Agus. Und er hat die Dalang-Rolle noch weiter ausgedünnt: Das einstündige Grußritual, bei dem die muslimischen oder hinduistischen Autoritäten um Verzeihung gebeten werden, lässt er weg. Aber er singt ähnlich wie bei der lauten Koranlektüre, nutzt die Vokale der Wörter für dramatische Steigerungen und Dehnungen, die Konsonanten als Denkpausen, Strukturelemente. Wie in seinem Land üblich, benannte sich der 1969 geborene Agus nach seinem Lehrer PMtoh – die Initialen einer Busgesellschaft, der „Perusahaan Motor Transport Ondernemen Hasan“, deren Hupen der Meister so echt nachahmen konnte. In Berlin hieße er vielleicht BVG und imitierte das Quietschen der U-Bahn- Schienen.

Agus Nur Amals One-Man-Show bringt den Alltag der Riesenmetropole Jakarta auf die Bühne, seit 18 Jahren die wahrscheinlich unbekannteste Partnerstadt Berlins: die Speisen und Getränke, die Enge der Zehn-Millionen-Stadt, das Verkehrschaos. Weil sein Theater ohne intellektuellen Überbau auskommt, direkt und sinnlich wirken will, bezieht es das Publikum mit ein: „Ich werde die Zuschauer in den Süden Jakartas entführen, wo sich der Zoo befindet. Sie sind dann die Tiere.“ Agus erzählt, dass er auf der Bühne einen Ingwer-Tee kochen will. „So“, sagt er und nimmt den Kaffeelöffel, schlägt kling- kling-kling an seine Tasse, „machen die Verkäufer“.

Normalerweise spielt er vor 30 bis 50 Menschen, bei Geburtstags- und Firmenfeiern, Buchvorstellungen oder dem Gouverneur. Der drahtige kleine Mann mit den dunklen Stoppelhaaren hat seine Jeans bis über die Hüfte gezogen und mit gestreiften Hosenträgern befestigt. Er ist der erste Künstler in seiner Familie, sein Vater wollte ihn zum Juristen machen. Aber er entschied: Ich gehe nach Jakarta, studiere Schauspiel, ich finanziere das alleine. „Ich habe also sehr lange gebraucht“, lacht er.

Agus erzählt nicht, wie sonst üblich, traditionelle Mythen, sondern Geschichten, die die Gesellschaft direkt betreffen: Als in den Neunzigern unter der Militärregierung Suhartos sechs seiner Freunde verschwanden, begoss er sechs Plastikflaschen mit kochendem Wasser. Heute habe er sich vom politischen Theater verabschiedet, erzählt er. Das bringe nichts. Stattdessen setzt er auf Kollaboration mit den Menschen vor Ort. Agus bittet sie, Gegenstände mitzubringen und sie sprechen zu lassen. „Ein Geschichtenerzähler hat soziale Verantwortung.“

PMtoh hat jetzt auch selbst einen Schüler. Der baute ein Fernsehstudio auf einen Traktor, auf dem von der Mitte des Spielfelds aus Fußballspiele humoristisch kommentiert werden. Mit diesem „Fake TV“ fahren sie auch durch die Stadt, helfen bei politischen Kampagnen oder den Problemen in einem Viertel. „Unser Fernsehen ist nicht echtes Fernsehen, aber es ist real, denn echte Leute können reinkommen.“ Agus nimmt noch einmal den Kaffeelöffel, greift sich meinen Stift, hält beide mit ausgestreckten Armen hoch und sagt erst laut, dann leiser „Oh, oh, oh ......“ Das Echo zwischen zwei weit Entfernten. Man könnte es Interkulturalität nennen.

„Jakarta Aliens in Berlin!“ von PMtho, 28. bis 30. Juni, 20 Uhr, Schaubude, Greifswalder Str. 81–84, Prenzlauer Berg. Gerne Gegenstände mitbringen! Das Jakarta Berlin Arts Festival läuft noch bis 3. Juli, Informationen unter www.jakarta-berlin.de oder
unter der Telefonnummer 030/53 15 59 63

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