Festival : Das Theater hat "Angst vor Gefühlen"

Brigitte Fürle, Chefin des Berliner Theaterfestivals "Spielzeit'Europa", findet deutsche Theater-Regisseure ängstlich. Wenn überhaupt, würden emotionsreiche Stücke nur von jungen Regisseuren und Autoren geliefert.

Elke Vogel[dpa]

Berlin Die deutschen Theaterregisseure haben nach Ansicht von Brigitte Fürle, Leiterin des Berliner Festivals "Spielzeit'Europa", Angst vor Gefühlen. "Das deutsche Theater muss versuchen, weg vom Zynismus zu kommen und sich darauf einlassen, Geschichten zu erzählen", forderte Fürle. "Das deutsche Theater hat immer noch ziemliche Berührungsängste mit Emotionen."

In den Regiearbeiten deutscher Theatermacher gebe es stets eine Art "Fluchtpunkt, bevor Dinge tatsächlich den Zuschauer berühren", sagte Fürle. Einer der wenigen Regisseure, der sich traue, Gefühle zuzulassen, sei Andreas Kriegenburg. Gut erzählte, emotional ergreifende Geschichten seien genau das, was die Menschen heute ganz stark suchten. "Da kann sich das Theater heute auch wieder ein großes Publikum erobern."

Fürle: "Mut zur Emotion"

Vor allem in den Inszenierungen vieler jüngerer Regisseure werde aber immer "abgebrochen, bevor ein Moment wirklich tief gehen kann. Das hat mit dieser Angst vor Gefühlen zu tun", erklärte Fürle. Das Theater versuche immer, "Überlebensräume" zu formulieren. Zynismus sei zwar eine zu respektierende Form. "Aber als Zuschauer möchten wir eigentlich ins Theater gehen, um dort in einem Denk-, Erfahrungs- und Erlebnisraum berührt zu werden", sagte Fürle.

Das Theater sei auch ein sinnliches und emotionales Erlebnis - "das muss man zulassen können. Mut zu Emotionen ist eine Herausforderung an das Theater heute." Lebenswelten könnten im Theater auch mit Poesie und zärtlicher Comic erzählt werden, wie es zum Beispiel Regisseure wie Alvis Hermanis aus Lettland oder Robert Lepage aus Kanada täten. Hermanis zeigt bei der nächsten Ausgabe von "Spielzeit'Europa" die Uraufführung "The Sound of Silence". "Spielzeit'Europa" im Haus der Berliner Festspiele bietet von Oktober 2007 bis Januar 2008 unter dem Motto "Paradies Jetzt" Theater- und Tanzproduktionen aus ganz Europa, darunter zahlreiche Uraufführungen und deutsche Erstaufführungen.

Eröffnet wird die Saison am 5. Oktober mit Heiner Goebbels Projekt "Stifters Dinge". Daneben zeigen Künstler wie Sylvie Guillem und Russel Maliphant aus Großbritannien, Fréderic Fisbach aus Frankreich, Grzegorz Jarzyna aus Polen, Angelin Preljocaj aus Frankreich und Lloyd Newson aus Großbritannien neue Stücke. Die gebürtige Wienerin Fürle leitet "Spielzeit'Europa" seit der Spielzeit 2006/2007. 

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