Kultur : "Festival dei due mondi": Der letzte Wilde von Spoleto

Jörg Königsdorf

Die Alte Welt beginnt ungefähr zwanzig Kilometer vor Spoleto. Dann, wenn sich die Autostrada plötzlich in ein kurviges Landsträßchen verwandelt, das sich durch die mit Steineichen bewaldeten Schluchten des umbrischen Berglandes im Nordosten Roms schlängelt. Als ob der Sinn des Opernkomponisten Giancarlo Menotti für dramatische und atmosphärische Kontraste auch beim Festivalgründer Giancarlo Menotti durchgeschlagen wäre und er die Zelte seines "Festival dei due mondi" einfach dort aufgeschlagen hätte, wo die Alte Welt eben am ältesten geblieben ist. Wo die wuchtige mittelalterliche Festung und die aufragende romanische Blendfassade des Doms noch den Jahrhunderte alten Herrschaftsanspruch des Kirchenstaats aufrecht zu erhalten scheinen. Wo die Schinken noch reifen dürfen, der Pastateig mit Händen geknetet wird und die Menschen noch an das alleinseligmachende Dogma von Melodie und Tonalität glauben.

Mit unerschütterlichem Stoizismus scheinen die Spoletiner allem getrotzt zu haben, was in den letzten 43 Jahren, seit ihr Städtchen mit einem Mal zum weltweit bekannten Festivalort wurde, über sie hereingebrochen ist: den Künstlern, die hier vor allem in den sechziger Jahren die wichtigste Plattform für den europäisch-amerikanischen Kulturaustausch vorfanden, ebenso wie den amerikanischen Touristen, die immer noch alljährlich für zweieinhalb Juliwochen sämtliche Hotelbetten im Umkreis belegen und die mit ihren Shorts und Basecaps immer noch wie Außerirdische in den engen Gassen der Stadt wirken.

Denn in den letzten zwanzig Jahren hatte ein schleichender Niedergang der Festival-Herrlichkeit eingesetzt, war mit der abnehmenden Bedeutung der amerikanischen Kunstszene für Europa auch der Glanz Spoletos etwas verblichen: Die goldene Zeit, als hier Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg ausstellten, Ingeborg Bachmann und Pablo Neruda lasen, Liz Taylor und Al Pacino Theater spielten und Polanski, Pasolini und Zeffirelli inszenierten, scheint inzwischen beinahe genauso fern wie das Mittelalter der Domfassade. Zahllose andere Festivals wie Hans Werner Henzes "cantiere" im toskanischen Montepulciano hatten dem "festival dei due mondi" das Wasser der Feuilleton-Aufmerksamkeit abgegraben, Spoleto wurde für viele zu einem genauso abgeschlossenen Kapitel Kulturgeschichte wie die Opern des zuvor noch weltweit gefeierten Festivalchefs Giancarlo Menotti. Die Werke dieses merkwürdigen Nachzüglers aus der goldenen Ära des italienischen Verismo gab es lange Zeit über fast ausschließlich in Spoleto zu sehen.

Ein offenbar zu voreiliges Urteil, das in den letzten Jahren zunehmend wieder in Frage gestellt wurde - die Wiederaufführung des "Konsul" vor drei Jahren in Spoleto hat inzwischen zu Inszenierungen in Washington, Wien und London geführt, seine Kinderoper "Amahl und die nächtlichen Besucher", 1964 als erste TV-Oper der Welt konzipiert, hat sich inzwischen wieder etabliert und wurde zuletzt noch im vergangenen Dezember an der Deutschen Oper als letzte Regiearbeit Götz Friedrichs neu inszeniert. Vielleicht steht auch seiner "Heiligen der Bleeker Street" eine ähnliche Wiederentdeckung bevor. Zur Feier seines 90. Geburtstags hatte sich Menotti diese Oper gewünscht, seine beste, wie er meint, und ein echtes Meisterwerk, wie die Aufführung in Spoletos Teatro nuovo beweist - Wenn auch eines, das nur von der Handlung her auf seine Entstehungszeit zu Beginn der fünfziger Jahre weist: Wie wohl kein anderer Komponist seiner Generation hat sich Menotti, der die Texte zu allen seinen Opern selber schrieb, seit jeher zum unbedingten Primat der expressiven Melodie bekannt - das Schreiben von Text und Musik, erklärt er, sei für ihn untrennbar. Kaum eine Handvoll Takte verrät in der "Heiligen", das dieses Werk nicht von einem Zeigenossen Mascagnis oder Puccinis geschrieben wurde, der Suspense-Bogen folgt über vier Akte ebenso den bewährten Grundmodellen der großen veristischen Opern wie die durchaus traditionelle Besetzung von Stimmen und Orchester. Die Geschichte einer verhinderten und in religiöse Ekstase umgeleiteten Geschwisterliebe im Little Italy New Yorks bewegt sich musikalisch zwischen "West side Story" und "Cavalleria rusticana", bringt ungehemmt die großen, vom hohen C bekrönten Operngefühle auf die Bühne, liebt, stirbt und leidet ohne Angst vor Sentimentalität. Oper, wie sie nicht nur die Italiener lieben, effektbewusst und unbedingt repertoiretauglich, inszeniert nach wie vor in streng naturalistischer Manier von Maestro Menotti selbst.

In bester italienischer Tradition ist die "Heilige" vor allem Sängermusik - Kein Wunder, dass sich zur Open-Air-Menotti-Gala auf dem Domplatz nicht nur der Welt bekanntester Opernnarr und -finanzier Alberto Vilar, sondern auch die Divo-Elite von Pavarotti über Domingo bis zu Renée Fleming angesagt hatte: Weit interessanter erwiesen sich allerdings die unter Festival-Chefdirigent Richard Hickox aufgeführten Ausschnitte aus Menottis "Letztem Wilden". Als einziger Kompositionsauftrag, den die Pariser Oper nach Verdis "Don Carlos" jemals an einen italienischen Komponisten vergab, ist das Werk schon ein musikhistorisches Unikum, als komische Oper, in der sich der Komponist Anfang der sechziger Jahre dreist über die modernistischen Tendenzen seiner Zeit lustig macht, das am direktesten autobiographisch gefärbte Werke Menottis: Hinter dem letzten Wilden, der von einem amerikanischen Mädchen ans Licht der Zivilisation gezerrt wird und durch Partygesellschaften mit Zwölftonmusik geschleust wird, verbirgt sich kaum verkappt der Komponist selbst. Auch beim "Letzten Wilden", der später an der Met sogar zeitweise als Ersatz für die Silvester-Aufführungen der "Fledermaus" im Einsatz war, ist Menottis unverhohlener Rückgriff auf die musikalische Tradition der opera buffa heute eher ein Garant für die Publikumstauglichkeit des Stücks. Die Spoletiner, an denen alles Übrige so spurlos vorbeigegangen zu sein scheint, haben sich jedenfalls längst entschieden. Sie feiern den Neunzigjährigen mit Ehren, wie sie zuletzt vermutlich dem greisen Verdi zuteil geworden sind. Und werden irgendwann vielleicht sogar seine Arien auf der Straße nachsingen.

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