Kultur : Festival der Kontinente: Schwarzweiß

Martin Wilkening

So leicht zu haben ist er nicht, der Dialog zwischen zwei Musikkulturen, den das Fest der Kontinente mit schönen Worten in einem luxuriös aufgemachten Programmheft beschwört. Denn Dialog bedeutet Austausch, und der findet in einem eher informations- als spannungsreichen Konzert nicht wirklich statt. Er soll wohl auch gar nicht stattfinden, denn was sich im ausverkauften Kammermusiksaal dokumentiert, ist ausschließlich das Interesse des weißen Mannes an einer fernen Musikkultur. Viel wird an diesem Abend gesprochen, und das Publikum erhält eine eindringliche Lektion über das forschende europäische Musikdenken: sei es in György Ligetis Begeisterung für musikalische Analogien zu Fraktalen, Mechaniken oder zur bildenden Kunst, sei es in den Werkeinführungen zu Ligetis Klavierstücken, die der Pianist Pierre-Laurent Aimard mit wunderbar sprechenden Handbewegungen unterstützt, sei es in den Zahlenkolonnen, die der Musikethnologe Simha Arom den Zuhörern um die Ohren haut.

Der Eros der Entschlüsselung

Zum Thema Online Spezial: Fest der Kontinente Der schwarze Mann steht derweil daneben und macht den Mund nur auf, wenn er singt. Dokumentiert wird so ein einseitiges transkulturelles Interesse, in dem die Rollen von Subjekt und Objekt klar verteilt sind. Dieses Interesse ist natürlich legitim, und dass es von Leidenschaft und von Liebe angetrieben wird, war durchaus spürbar. Das, was in solch einer Begegnung das Aufwühlende sein muss (für den Musikethnologen die Jahrzehnte dauernde Entschlüsselung der Musiktheorie, die den Sängern selbst gar nicht bewusst ist, oder für den Komponisten die Entdeckung, dass eine ferne archaische Musikkultur sich mit ganz ähnlichen Problemen beschäftigt wie er selbst), dieses innere Erlebnis ist etwas, was ein Konzert mit seinem starren Nebeneinander von zwei Musizierformen nicht vermitteln kann - auch wenn es im einzelnen so viel an Vermittlung versuchte wie irgend möglich. Für kurze Zeit nur wird den Zuhörern die Chance zu einer unmittelbaren Begegnung mit Gesang, Tanz und Schlagzeugspiel der Aka-Pygmäen gegeben, mit dem brausenden Klangstrom dieser Musik, in dem sich die einzelnen Stimmen, ähnlich wie die Tanzbewegungen, in ständig wechselnder Beziehung zu einer kraftvollen Bewegung von berauschender Fülle zusammenfinden. Die Reinheit der Stimmen, die für den bloßen Zuhörer undurchdringliche Dichte ihrer Verwobenheit sind Hervorbringungen einer Kultur, in der die Musik weniger im Mittelpunkt steht, als dass sie vielmehr alle Bereiche des Lebens in gleitenden Übergängen in sich aufnimmt.

Wir statt Ich

Dass die Pygmäen in Zentralafrika am untersten Ende der sozialen Hierarchie stehen, macht die Höhe ihrer Kunst dabei umso erstaunlicher, ja bedeutender. In sich ist diese Musik dialogisch strukturiert, denn sie entsteht nur im ständigen Reagieren auf das, was der jeweils andere macht. Sie schließt alle als Mitmachende ein und bildet somit das Abbild einer Sozialstruktur, in der eigentlich kein Ich, sondern nur ein Wir existiert. Man merkt das auch den Bewegungen der Musiker auf der Bühne an.

In Ligetis Klaviermusik wiederum werden solche rhythmischen und metrischen Konflikte, wie sie in der Pygmäen-Musik in einem fließenden Strom musikalischer Energien eingebunden sind, in dramatisierte Zeitformen hineingetrieben. Hier sagt sehr deutlich jemand "Ich". Und auch insofern hat Ligeti natürlich Recht, wenn er zunächst einmal betont, dass seine Musik "nichts" mit der der Aka-Pygmäen zu tun habe. So kann man es auch als Gewinn ansehen, dass dieses Konzert, seinem Motto entgegen, doch vor allem Differenzen vorführte.

Die Verbindungen sind da, aber sie sind, jenseits eines oberflächlich vorgefertigten crossover, in den Köpfen eines Einzelnen zu ziehen. Ligeti und Arom machen es vor, jeder auf ganz verschiedene Weise. Der Dialog ist immerhin eröffnet.

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