Kultur : Festival, die dritte: Unterwegs auf der Berlinale

Christiane Peitz

Sind so viele Festivals. Die Stars auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast. Die Panorama-Partys nach Mitternacht. Die Arbeitsatmosphäre im Videoprogramm des Arsenals. Und dann fährt man vier Stationen mit der U-Bahn und macht eine Zeitreise ins gute, alte Delphi. Wer sich umschaut im Saal, bei der Forums-Premiere von Jürgen Böttchers Film "Konzert im Freien", kommt aus dem Staunen nicht heraus: Die DEFA lebt. Hier gehen die Filmemacher selbst ins Kino. Da hinten sitzen Volker Koepp und Helke Misselwitz, ein paar Reihen davor Gerd Kroske und Thomas Heise; auch Thomas Plenert ist da, Peter Voigt und Jörg Foth. Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Im Film entlockt Günter "Baby" Sommer den Herren Marx und Engels auf dem Alexanderplatz mit seinem Schlagwerk verwegene Töne. Noch eine Zeitreise. Was wäre, wenn die DEFA ihre besten Leute, Jürgen Böttcher zum Beispiel, nicht ins Abseits gestellt hätte? Gäbe es dann heute mehr deutsches Qualitätskino? Mit mehr Augenblicken der Schönheit wie jenem, in dem Böttcher den Schatten der Hutkrempe im Gesicht des Saxophonisten filmt? Oder gehören solche Fragen auf die Reste-Rampe der Nostalgie?

Nach dem Abspann diskutiert der bald scheidende Forumschef Ulrich Gregor mit den Filmemachern. Ein kleiner, quadratischer Resopaltisch wird aufgestellt; seit Jahrzehnten ist es der gleiche kleine, quadratische Tisch. Und es ist der immergleiche Ulrich Gregor, der sich kaum gesetzt hat und schon seine immergleichen Fragen stellt. Ja doch, die Berlinale mit ihren vielen Festivals muss reformiert werden. Aber Ulrich Gregors Fragen werden wir vermissen. Und auch den kleinen, quadratischen Tisch, wenn er eines Tages auf der Reste-Rampe verramscht wird.





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