Kultur : Festival, die zweite

Zu schwer? Zu kitschig? Zu deutsch? Über den Eröffnungsfilm wird gestritten. Tom Tykwer, der Regisseur von "Heaven", müsste sich hin und wieder ein Augenzwinkern gestatten. Das sagen nicht wenige.

"Heaven" beginnt mit einem Blutbad. Ein großes Verbrechen. Es geschieht aus Versehen, groß ist es trotzdem. Sühne, Verzeihen, Erlösung, das alles scheint unmöglich. Dann kommt die Liebe ins Spiel. Nur die Liebe schafft das Unmögliche. Solche Geschichten vom Sieg der Liebe (über den Tod, über das Schicksal, über die Schuld) erzählt uns Tom Tykwer seit der "Tödlichen Maria" immer wieder.

Der Sieg der Liebe über den Tod, mit einem Augenzwinkern erzählt - so etwas ist in letzter Zeit wohl nur Roberto Benigni gelungen, in "Das Leben ist schön". Aber Benignis Perspektive ist die der Opfer, Tykwers Hauptfiguren sind eine Täterin und ein Überläufer. Wer das mit einem Augenzwinkern inszenieren kann, der darf als nächstes ein lustiges Remake von "Schindlers Liste" versuchen.

Ist das, was ein Künstler sich vorgenommen hat, ein sinnvoller, legitimer Vorsatz? Ist ihm das gelungen, was er wollte? So lauten, frei nach Goethe, die beiden Grundfragen der Kritik. Es ist schwer zu bestreiten, dass Tom Tykwer sein Handwerk beherrscht. Er ist ein ziemlich perfekter Regisseur. Das, was er will, gelingt ihm meistens. Aber darf er das wollen, was er will?

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Tykwer hat sich für die Romantik entschieden. Die Romantik ist ein Gefühl der Rebellion, eine Rebellion ohne Richtung. Er erzählt in "Heaven" mit besonders viel Pathos, als wolle er sich befreien von dem Verdacht, er interessiere sich für eine Karriere als windschnittiger Hollywood-Fuzzi. Nach "Lola rennt" gab es für ihn diese Option. Aber "Lola rennt" war womöglich ein untypischer Tykwer-Film.

Der Staat ist in "Heaven" eine Gangsterbande. Politik ist uninteressant. Tykwer gehört zu den nicht wenigen Angehörigen seiner Generation, die in das Politische keinerlei Hoffnung mehr setzen, aber die sich trotzdem nicht abfinden wollen mit der Welt. Und wenn die Liebe regieren würde? Das ist die Tykwerfrage. Romantik: Mehr Utopie geht zur Zeit nicht.

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