Festival-Doku "Wacken 3 D" : Matsch und Macker

„Wacken 3 D“, die Konzert-Dokumentation, will ein Phänomen abbilden. Und schlittert doch in die pure Propaganda.

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Auf Händen. Wacken ist für seine freundliche Atmosphäre bekannt.
Auf Händen. Wacken ist für seine freundliche Atmosphäre bekannt.Foto: dpa

Waaaaaaaaaaackeeeeen!!!!! Damit ist alles klar. Doublebassdrum, Kutte und Bier mag man oder man lässt es bleiben: Dass das Wacken Open Air im gutmütigsten aller schleswig-holsteinischen Dörfer eines der leidenschaftlichsten Festivals der Welt ist, sowohl auf Veranstalter- als auch auf Teilnehmer- und Besucherseite, weiß jeder, der schon mal mit fünf Liter Premium Pils im Bauch die Schlammrutsche zum Zeltplatz genommen hat.

In „Wacken 3D“ nähert sich der Musikclip-Regisseur Norbert Heitker dem Phänomen anlässlich des 25. Festivaljubiläums. Mit 18 3-D-Kameras bildet er das gesamte W.O.A. 2013 ab: Kameras fliegen über das Gelände und zwischen den Hörnern des Wacken-Symbols hindurch; die besten Hardrock- und Metalbands der Welt liefern spektakuläre Shows, Henry Rollins, Alice Cooper, Scott Ian geben O-Töne, Besucher und Besucherinnen aus Deutschland, Korea, den USA trudeln zunehmend betrunken und beseelt über Wiesen, Weiden und Zelte, und schleudern der Kamera ihr „Wacken!“ samt Mano Cornuta entgegen. Der Moshpit ist ein Hexenkessel und über allem liegt eine Schicht von ohrenbetäubendem, feuchtem und glücklichem Hardrockmiteinander.

Die Atmosphäre in Wacken steht wie eine Eins. Da sind sich beide Veranstalter, die das Festival aus der Scheune heraus aufbauten, und alle Befragten einig. Und irgendwo zwischen den hervorragend gefilmten Auftritten von Rammstein, Deep Purple, Motörhead oder Anthrax und den ehrlich gemeinten Sympathiebekundigungen, beginnt der Film, im Matsch auf der Stelle zu treten. Denn nach dem vierten langen Konzertausschnitt und dem fünften „Hier ist alles great“-Zitat fragt man sich, ob sich eigentlich noch irgendeine andere Aussage in der Dokumentation verbergen sollte oder ob der Wackenbericht einfach nur als großer, lauter Propagandafilm gedacht ist.

Dabei gibt seit einiger Zeit sogar unter den treuesten Wacken-Fans kritische Stimmen, die die Sponsorenverträge bemängeln und die damit verbundene Logodichte, die steigenden Bierpreise, die stärkeren Einlasskontrollen, den erdrückenden Kommerz. Doch das lässt der Regisseur genauso unter den Tisch fallen wie die Tatsache, dass auf der Bühne ein gefühltes Frauen-Männer-Verhältnis von 1 zu 666 herrscht: Man sieht und hört gerade mal olle Doro Pesch röhren, und bei der rumänischen Folk Metal Band God – The Barbarian Horde darf eine Frau Geige spielen. Dass Frauen Metal und Hard Rock gern hören, aber anscheinend nicht spielen, und dass das eventuell mit den exaltierten Dicke- Hose-Rock-Posen zusammenhängt, hätte den Machern ein paar – gern ironische, informative – Sätze wert sein können. Stattdessen schlagen sich zwei weibliche Fans mit johlenden Umstehenden herum, die ihnen an die „Boobs“ wollen: „Hier scheint eine starke Boobleidenschaft zu herrschen“, kommentiert die eine das Gegrabsche, und hat damit leider viel zu kurz die Mehrzahl der Besucher (männlich, hetero, volltrunken) beschrieben.

Doch „Wacken 3D“ will krampfhaft vermeiden, auch nur den Hauch einer Sozialstudie zu verströmen, wie es die grandiose, 2005 und 2006 gedrehte Wacken-Dokumentation „Full Metal Village“ von Cho Sung-hyung enorm vergnüglich tat. So bleibt zwar der Musikgenuss, aber im Nachgeschmack ist die Megasause doch ein bisschen schal.

In 13 Berliner Kinos

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