Festival „Foreign Affairs“ in Berlin : Ein Chor kämpft sich ins Freie

Zwischen Kunst und Kitsch, Anbetung und Provokation: Marta Górnicka und Angélica Liddell beim Sommerfestival „Foreign Affairs“ in Berlin.

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Ersatzkunst. Angélica Liddells „Tandy“ spielt im sakralen Raum.
Ersatzkunst. Angélica Liddells „Tandy“ spielt im sakralen Raum.Foto: Festspiele

Frauen und Katholizismus. Schönes Thema. Da steckt so vieles drin: Kunst und Kitsch, Anbetung und Provokation. Glaube und Triebe. Die „Foreign Affairs“ luden zum Doppelgottesdienst. Erst ins Festspielhaus, auf die Seitenbühne, dort jagt die Polin Marta Górnicka mit ihrem Frauenchor durch ein trockenes, spitziges A-cappella-„Magnificat“. Und nachher feiert die Spanierin Angélica Liddell in der Kirche St. Agnes ein psychotisches Hochamt: „Tandy (Cycle of Resurrections“).

Immer noch seltsam hängt dieses Sommerfestival in der letzten Kurve zwischen Saisonende und Ferien. Aber man kann nicht sagen, dass die Zuschauer fernbleiben. In der Kreuzberger Kirche, vom Galeristen Johann König zum Kunstraum transformiert, ist kaum mehr ein Platz frei. Angélica Liddell hat eine Fangemeinde in Berlin, und das passt ja hier bestens, in diesem bizarren Ambiente. Was für eine Vorstellung von Gott und Kirche und Menschen mag der Architekt Werner Düttmann gehabt haben, als er in den Sechzigerjahren den St.-Agnes-Bunker in der Alexandrinenstraße abwarf? Ein Gottessarg ist das, eine Huldigung an den Beton. Aber so abweisend das Außen, so fordernd der hohe, kahle Innenraum. Ja, hier soll Kunst sein, braucht es eine elementare geistige Kraft, wenn schon die Religion abgedankt hat. Hat sie? Liddell denkt sich seltsame Rituale aus, um die Leerstelle zu füllen.

Pathos und Schäbigkeit

Wo der Altar stand, liest man in Leuchtschrift: „There will be Miracles“. Flaschensammler, Barockmusiker, ein bockiges Mädchen und eine Handvoll Performer (auch Liddell selbst) arbeiten sich durch eine Liturgie des Pathos und der Schäbigkeit. Das Pathos aber ist eher ein Posing und auch die Armut schlecht gespielt. Räudiges Hundegebell vom Band, Rituale, die eher an Bewegungsworkshop als an Voodoo erinnern – da kann man vom Glauben abfallen, dass Kunst die Religion unserer Tage sei. Nun will Liddell aber offensichtlich wieder zurück in den Schoß einer Gemeinschaft, die Transzendenz garantiert, nicht nur sucht. So sieht es aus. Unfreiwillig komisch. Peinlich auch – eine lange Stunde lang. Bis ein Kindersarg hereingetragen wird, in dem ein Welpe sitzt. So einfach ist die Lösung, so süß: Ein Tierkind ist uns geboren. Wau!

Strenge Exerzitien bei Marta Górnicka

Marta Górnicka dagegen zieht strenge Exerzitien durch. 25 Frauen auf der Bühne, in Alltagskleidung, jede in ihrer Individualität durchaus zu erkennen. Es ist kein uniformierter Trupp, vielmehr kommen sie zusammen, um tief Luft zu holen und mächtig auszuatmen. Die Regisseurin, von Hause aus Musikerin, steht auf der Zuschauertribüne und gibt den Takt an. 45 Minuten Sprecherziehung zur Befreiung aus der Unmündigkeit einer Welt des Klerus und Machismo.

Sie zischen, hecheln, skandieren, singen schön, plärren hässlich – ein starker Auftritt, der Energie verteilt. Nationales Pathos, die Muttergottes, Rezepte für die ideale Gattin: All diese korsettierenden Erfindungen wandelt Górnicka vom traditionellen „Magnificat“ in ein feministisches Manifest um. Rhythmisches Sprechen im Chor ist eine Waffe. Und diese Waffe besitzt nicht nur politisch-gesellschaftliche, sondern auch ästhetische Durchschlagskraft. Wow!

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