Kultur : Festival für Neue Musik: Quote, Kult und Qualität

Carsten Niemann

Vielleicht wird es noch einmal zum Überflieger unter den Festivals für Neue Musik. An Bekanntheit und Bedeutung jedenfalls hat UltraSchall, das heute in den Sophiensälen eröffnet wird und bis zum 28. Januar Neue Musik in 19 Konzerten bietet, schon jetzt gewonnen.

Das Licht der Welt erblickte UltraSchall im Januar 1999: SFB und DeutschlandRadio Berlin hatten sich damals entschlossen, einen grösseren Teil ihrer bisher vereinzelten Bemühungen um die Neue Musik in einem Festival zu bündeln. Da beide Sendeanstalten für das neue Festival auch auf die Klangkörper der Berliner Rundfunk-Orchester- und -Chöre GmbH (ROC) zurückgreifen konnten, an denen sie beteiligt sind, konnte das Musikfest seine jetzige Größe erreichen. Die 19 Veranstaltungen vom Solo-Recital bis hin zu aufwendigen Orchesterkonzerten hätte sich eine Anstalt allein noch nicht einmal zur Hälfte leisten können.

Im dritten Jahr hat das Festival eine eigene Physiognomie entwickelt. So konzentriert man sich jetzt auf zwei Konzertstätten: Einmal sind da die Sendesäle des SFB, die alle technischen und akustischen Voraussetzungen für die Aufführung von Werken der klassischen Moderne bieten. Nur hier lässt sich etwa Volker Straebels 48-kanaliges radiophones Projekt "Urban Circus on Berlin Alexanderplatz" nach John Cage technisch adäquat realisieren. Zum anderen locken die Veranstalter mit dem trendig verrotteten Charme der Sophiensäle in Mitte.

Leiter des Festivals sind die Redakteure Rainer Pöllmann (DeutschlandRadio Berlin) und Martin Demmler (SFB). Auf ein Motto für das Programm haben sie verzichtet: "Wir wollen kein klingendes Belegmaterial für eine einzelne These liefern", so Pöllmann. Trotzdem gebe es natürlich thematische Schwerpunkte. Literatur und Musik wie in dem Cage-Projekt sei einer, das Schlagzeug als wichtigstes Instrument der Moderne ein anderer. Ausserdem werde es wieder die bewährten Porträtkonzerte geben. Porträtiert wird einmal ein alter Hase der Szene, der Schweizer Oboist und Komponist Heinz Holliger.

Ein weiteres Porträt gilt dagegen einer Komponistin, die sich gerade erst international etabliert: Unsuk Chin. Von der gebürtigen Koreanerin und Wahlberlinerin, die demnächst auch als composer in residence des Deutschen Symphonie-Orchesters von sich hören lassen wird, werden die wichtigsten Kammermusikwerke vorgestellt. Einen Blick aus ungewohnter Perspektive auf einen Klassiker der Avantgarde bietet schliesslich ein Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das ein neu entdecktes Frühwerk von Bernd Alois Zimmermann uraufführt: seine "Märchensuite für großes Orchester" von 1950.

Mit diesem Kompositionsdatum ist das Stück eine Ausnahme im Festival-Angebot: das Gros der Kompositionen nämlich ist kaum älter als 10 Jahre. Schliesslich haben es sich die Macher zum Ziel gesetzt, Trends und Tendenzen in der Szene aufzuzeigen. Moden wolle man aber nicht nachlaufen. Und damit das Ganze zudem "übersehbar vielfältig" bleibe, würde manche Musik, die sich sehr weit von der "klassischen Avantgarde" entferne, mehr oder weniger ausgeklammert: So die "Esoterik-Schiene", "Club- und DJ-Musik" oder Entwicklungen der Minimalmusic wie etwa beim neueren Philip Glass. Wenn ein Saal leer bleibe, müsse man sich zwar schon Gedanken machen, was man falsch gemacht habe. Aber: "Quote ist nicht alles" stellt Radiomann Demmler mit öffentlich-rechtlichem Selbstbewusstsein klar. Ungehemmt modisch hingegen gibt man sich bei der Art der Präsentation: So wird es nach dem grossen Erfolg des letzten Jahres wieder eine "Lange Nacht des Klaviers" geben. Und einen Auftakt "unter Kult-Verdacht" haben die beiden sicher mit Recht verprochen. Denn zum Schaudern der Puristen werden Zoro Babel und Edgar Guggeis heute ab 19 Uhr in den Sophiensaelen auf Spinde und Schubkarren eindreschen, bevor um 21 Uhr der Starposaunist und musikalische Grenzgänger Michael Svoboda mit seinem Alphorn anrückt.

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