Festival in Roskilde : Schwester, ich bin an deiner Seite

Matsch verbindet: Das Roskilde Festival setzt auf Genrevielfalt und Gleichberechtigung – ein bisschen Rock ist auch dabei. Zu den Höhepunkten gehörten die Auftritte von The Weeknd, den Foo Fighters und Solange

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Ein-Mann-Euphorie. The Weeknd.
Ein-Mann-Euphorie. The Weeknd.Foto: AFP

In einem rot-gelben Bretterverhau, umgeben von hunderten kleinen Zelten, gehen Unsinn, Aktionskunst und ehrbare Ziele eine wundersame Verbindung ein. „Posthus“ steht an der mit Wimpeln dekorierten Fassade. Das hier ist die Post von Dream City, einem der vielen Campingbereiche des dänischen Roskilde Festivals.

Nicht nur Briefe und Pakete können verschickt werden, auch eine weitere aussterbende Kulturtechnik wird vermittelt: Schreibmaschineschreiben. „In Zeiten von Facebook und Twitter wissen die Leute oft gar nicht mehr, wie das funktioniert. Hier können Sie es ausprobieren“, sagt Jonas Simonsen, der zu kurzen Hosen blaue Uniformjacke und Postmütze trägt. Die hat die Dänische Post den Analog-Aktivisten geschenkt, ebenso die Briefmarken. Einige gingen in die USA, andere nach Mexiko. Ein dänischer Minister wird demnächst ein Lichtschwert im Briefkasten haben.

Schreibmaschine schreiben bei der Post

Die Post gehört wie die Bibliothek und die Feuerwehr zu den vielen Themen-Camps von Dream City, in denen die Besucherinnen und Besucher ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Mal geht es um Magie, mal um queere Sichtbarkeit, mal kleiden sich alle in Tierkostümen. Es gibt einen Glitterwrestling-Wettbewerb und unzählige Partys. Dream City bebt schon Tage, bevor das eigentliche Festival startet. Inzwischen sind hier sogar drei Extra-Bühnen angesiedelt. Und wenn es nebenan richtig losgeht, bleiben manche der Dauercamper einfach in ihrem kleinen Paradies. Auch Postmeister Simonsen drängt es nicht auf das Festivalgelände. Außer den Foo Fighters hat er keine speziellen Ziele, sagt er.

Zum ersten Headliner haben sich dann aber offenbar doch einige Camper aufgemacht. Der 60000 Menschen fassende Platz vor der Orange Stage ist beim Auftritt von The Weeknd überfüllt, die Begeisterung, die dem Sänger aus Toronto entgegenschlägt, überwältigend. Und er beginnt sein Set mit dem Hit „Starboy“ von seinem aktuellen Album, wobei er gleich mal ein paar Feuerfontänen abschießt. Leider verweht der starke Wind zu Beginn den Sound öfter mal ins Laptop-Lautsprecherhafte, doch weil er zudem die bedrohlich tief hängenden Wolken weiterpustet, nimmt man das gern in Kauf. Drei Musiker auf einer erhöhten Galerie begleiten den 27-Jährigen, der den unteren Bühnenteil herumtigernd problemlos allein zu bespielen weiß.

Plötzlich entstehen rätselhafte Mosh-Pits

Die Fans singen jede Zeile mit, auch weiter hinten nimmt der Enthusiasmus nicht ab. Verständlich, denn vor allem das Finale mit den drei Monstersongs „Secrets“, „Can’t Feel My Face“ und „I Feel It Coming“ zeigt, auf welch galaktischem Glitzer-Pop-Niveau sich The Weeknd derzeit bewegt. Als dann auch noch die ultratiefen Dröhnbässe von „The Hills“ über das Feld rollen, bilden sich überall Mosh- Pits. Rätselhaft eigentlich bei einem Midtempo-R’n’B-Stück. Aber offenbar haben die jungen Leute, die schon den ganzen Tag getrunken haben, noch Energie übrig.

Das größtenteils aus Dänemark stammende Publikum hat ein Durchschnittsalter von 24 Jahren. Mit 80000 verkauften Karten ist das 1971 gegründete Non-Profit-Festival ausverkauft. Zählt man die Tagesgäste und rund 30000 freiwilligen Helferinnen und Helfer hinzu, wächst Roskilde während der Woche zur viertgrößten Stadt Dänemarks an. Dabei entsteht – mehr als auf Stadtfestivals, bei denen alle abends abreisen – ein Gemeinschaftsgefühl. Die Leute achten aufeinander, lächeln sich an und sind sehr motiviert, die Stars auf den Bühnen zu feiern.

Eine-Frau-Trance. Lorde.
Eine-Frau-Trance. Lorde.Foto: REUTERS

Das beeindruckt sogar Solange, die mit ihrer sechköpfigen Band und zwei Sängerinnen einen streng durchchoreografierten, extrem eleganten Auftritt absolviert. Schon einzelne Synchron-Drehungen lösen kollektive Jubelschreie aus. Die Liebe im rot ausgeleuchteten Zelt ist bis in den letzten Winkel spührbar. „Als ich herkam, fühlte ich mich ohne Energie und Stimme, aber ihr habt mir so viel gegeben,“ sagt Solange.

Mit welch lässiger Intensität sie und die Band die Songs ihres Albums „A Seat At The Table“ vortragen, das hat fast hypnotische Wirkung. Die feministische BlackPower-Essenz der Platte kulminiert in einem magischen Konzertmoment, als die 31-jährige Sängerin während des Stücks „F.U.B.U.“ (For us by us) zur ersten Reihe herunterkommt und gemeinsam mit einer schwarzen Frau singt: „And all my niggas in the whole wide world/ Made this song to make it all y’alls turn/For us/ This shit is for us.“ Solange kniet schließlich vor der Frau, die in Tränen ausbricht und von der Sängerin in den Arm genommen wird. Der Saal ist gerührt von diesem schwesterlichen Empowerment.

Diversität als Richtschnur

Er passt nebenbei perfekt zum Equality-Motto, das sich das Festival für drei Jahre gegeben hat und sich auch in der Diversität des Line-Ups spiegelt: Frauen, queere und nicht-weiße Künsterlinnen und Künstler sind zahlreich vertreten. All diese Kriterien vereint die New Yorker Rapperin Princess Nokia in sich. Nach einem einem starken Auftritt auf der Apollo-Bühne erklärt sie bei einem der Artist Talks, wie sehr sie sich schon als Kind vom Punk angezogen fühlte. „Das Wort ,Nonkonformität’ hat mein Leben verändert“, sagt sie. Und so lasse sie sich auch heute nicht in Schubladen stecken. Die Kategorisierung als „angry brown girl“ weist sie zurück: „Ich stehe für mich selbst ein, bin leidenschaftlich und lasse mir nicht den Mund verbieten.“ Mit dieser Haltung und Songs wie dem vor Selbstbewusstsein berstenden „Tomboy“ ist sie zum Vorbild junger Frauen geworden. Einige von ihnen stehen nach dem Gespräch Schlange, um sie zu umarmen.

Etwas kühler geht es wenig später auf der Orange Stage zu, wo The XX auftreten. Der Regen hat eingesetzt und wird erst einen Tag später wieder stoppen. Zum melancholischen Sound des Londoner Trios macht er sich allerdings ganz gut. Mit zusätzlichen Tom-Toms und gelegentlichem Gitarren-Verzerrereinsatz raut die Band ihr Klangbild geschickt auf. Das schöne Duett „Say Something Loving“ und das clubbige „Dangerous“ vom aktutellen Album sind frühe Höhepunkte.

The XX schaffen Intimität auf der Riesenbühne

Dann erzählt Romy Madley Croft, wie sie mit 16 Jahren schon mal in Roskilde war. „Ich hatte eine tolle Zeit, abgesehen davon, dass ich verlassen wurde. Doch alles geschieht aus einem Grund. Jetzt bin ich hier mit euch und ihr seid viel besser drauf als sie.“ Die Musikerin lacht, doch im nächsten Song vermittelt sie eine Ahnung davon, wie sich Trennungsschmerz anfühlt, vielleicht sogar wie es damals war. Ohne ihre Kollegen, nur mit ihrer Gitarre spielt sie „Performance“ und singt: „You won’t see me hurting/ When my heart it breaks/ I’ll put on a performance/ I’ll put on a brave face.“ Größere Intimität ist auf der Megabühne kaum denkbar.

Wie man diese ganz traditionell nutzt, zeigen am nächsten Tag die Foo Fighters. Sie sind der einzige echte Rock-Headliner des Programms, und das volle Zuschauerareal zeigt, dass es immer noch viel Interesse für harte Gitarrenarbeiter wie Dave Grohl gibt. Der Sänger schreit sich dann auch an die Stimmband-Zerreißgrenze, lässt es mit seinen Mannen amerikanisch-breitbeinig krachen. Alle Mitgröhl-Hits von „The Pretender“ über „My Hero“ bis „Everlong“ sind dabei und freuen die im Matsch tanzende Menge.

Lorde turnt sportlich durchs Zelt

Auch Grohl teilt seine Erinnerung an sein erstes Roskilde Festival, es war im Jahr 1992 und seine damalige Band hieß Nirvana. Beides muss er nicht erwähnen, denn als er von einem Fußballspiel erzählt, das kurz vor dem damaligen Auftritt stattfand, weiß jeder, dass das EM-Finale gemeint ist, in dem Dänemark gegen Deutschland spielte. „Lass sie gewinnen, lass sie gewinnen“ habe Grohl gefiebert. So geschah es, und die Show lief prima.

Von der Vergangenheit in die Zukunft geht es später am Abend im ebenfalls proppenvollen Arena-Zelt bei Lorde. Von zwei im Hintergrund agierenden Musikern begleitet, liefert die in Turnschuhen und weitem Rock gekleidete Neuseeländerin, die gerade ihr zweites Album „Melodrama“ veröffentlicht hat, ein sportlich-serviceorientiertes Konzert. Trotz ihrer vielen tollen Popsongs vermag die 20-Jährige aber nicht recht zu berühren. Den jungen Frauen, die sowohl die alten als auch die neuen Songs mitsingen, ist das egal. Sie sind selber die Party, Lorde ist nur die Vorsängerin.

Reise und Unterkunft wurden vom Roskilde Festival gestellt.

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