Festival in Weißensee : Mit den Fischen tanzen

Der Probenraum der dänisch-finnischen Band Liima liegt in Weißensee. Dort könne man konzentrierter arbeiten. Jetzt veranstaltet sie dort ein Pop-Festival auf der Freilichtbühne.

Anne-Sophie Balzer
Wassermusik. Casper Clausen und Mads Brauer spielen in den Bands Liima und Efterklang. Ihr Festival heißt By The Lake - wegen der Nähe zum Weißen See. Foto: DAVIDS/Sven Darmer
Wassermusik. Casper Clausen und Mads Brauer spielen in den Bands Liima und Efterklang. Ihr Festival heißt By The Lake - wegen der...Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Am liebsten sitzt Casper Clausen am See. Er schwimmt nicht gerne, auch Bootfahren reizt ihn wenig. „Wasser ist mir nicht geheuer. Ich weiß, es ist das natürlichste Element überhaupt, aber ich mag das Gefühl einfach nicht.“ Lieber schaut der Sänger anderen beim Schwimmen, Tauchen und Rudern zu. Musikmachen am See geht auch. Und so haben er und seine Mitstreiter von der Band Liima ihr am Samstag erstmals stattfindendes Festival am Weißen See By the Lake genannt.

Es ist Mitte August und im Studio von Liima gleich gegenüber des Weißen Sees liegt die Temperatur bei etwa 40 Grad, die Luft steht. Die Musiker haben sich ein pittoreskes Gartenhäuschen im Hinterhof an der Berliner Allee angemietet, im Erdgeschoss ein wildes Equipment-Durcheinander, unterm Dach der Proberaum. Der Vermieter macht selbst Musik, im Vorderhaus ist eine Klavierwerkstatt. Die vierköpfige Gruppe hat fast dieselbe Besetzung wie die dänische Postrock-Band Efterklang. Die macht jedoch gerade Pause.

„Wir haben lange nach einem Ort gesucht“, erzählen Mads Brauer und Casper Clausen, die seit 2010 in Berlin leben. „Wir wollten nicht einfach ein Studio in einem großen Komplex mit vielen anderen. Wir sind da sehr romantisch. Es sollte unser eigener Ort sein, ein kreativer Freiraum.“ Das bodenständig-bürgerliche Weißensee ist dafür eine ungewöhnliche Wahl. In der Berliner Allee geht es geschäftig zu, die Rentner erledigen schon vor zehn ihre Einkäufe. Mit hippem Künstlervolk ist hier weniger zu rechnen.

"Es ist kein cooler Stadtteil"

Clausen und Brauer sagen, ihnen tue Weißensee gut. Es sei hier einfacher, konzentriert zu arbeiten. „Die Leute bilden sich nichts auf ihren Kiez ein. Es ist kein cooler Stadtteil, die Menschen sind freundlich, pragmatisch und auch etwas konservativ.“ Die Bandmitglieder wohnen in Kreuzberg, aber zum Arbeiten kommen sie hierher.

Die drei dänischen Musiker waren gerade auf Tour. Einen Monat lang haben sie in ihrer alten Heimatstadt Kopenhagen verbracht und dort in der alten Efterklang-Formation die Oper „Leaves - The colour of falling“ geprobt und aufgeführt, teilweise zwei Mal pro Tag. Jede Veranstaltung war ausverkauft. Zurück in Berlin richten Mads Brauer, Casper Clausen, Rasmus Stolberg und der finnische Percussionist Tatu Rönkkö, die zusammen Liima ergeben, nun all ihre Aufmerksamkeit auf das By The Lake-Festival, das in Sichtweite des Sees auf einer kleinen Waldbühne stattfinden wird. Die Idee dazu kam den drei Schulfreunden vor etwas mehr als einem Jahr, „in einer Bar in Oslo“.

Die Musiker, alle inzwischen Anfang 30, wollten raus aus der Efterklang-Routine, in der man ein bis zwei Jahre an einem Album arbeitet, ein Jahr tourt und wieder von vorn beginnt. In diesem Rhythmus arbeiteten sie mehr als 15 Jahre. Ein befreundeter Violinist aus Finnland schlug ihnen vor, mit einem neuen Projekt auf seinem Festival aufzutreten. Sie holten Tatu Rönkkö ins Boot, nahmen ihm jedoch sein Schlagzeug weg und stellten ihn hinter eine Konsole. Dann mieteten sie sich ein kleines Häuschen im finnischen Nirgendwo. Natürlich an einem See. Zehn Tage arbeiteten die vier Musiker an neuen Songs, um sie dann auf dem kleinen Festival bei Helsinki zu präsentieren.

Experimente, neue Instrumente und der Blick auf den See

„Es ging uns darum, mit ein paar Gewohnheiten zu brechen. Wir spielen mit Liima auch neue Instrumente, sind deutlich experimentierfreudiger und spontaner geworden. All diese Vernderungen haben sich natürlich angefühlt“, sagt Mads Brauer, ein nachdenklicher Mensch mit einem langen Bart, durch den er sich beim Sprechen gerne streicht. Die intensiven Proben für einen Auftritt gefiel den Musikern. Caspar Clausen ergänzt: „Wir fühlten uns ein bisschen wie Kinder, die den ganzen Tag im Schulgarten herumtoben, aber dabei wissen, dass sie am Abend noch einen Test schreiben müssen.“

Die beiden Liima-Musiker betonen, dass Efterklang sich nicht aufgelöst haben. „Wir haben noch einiges vor mit Efterklang und wir arbeiten auch projektweise weiter unter diesem Namen.“ Als sie die Pause angekündigt hatten, haben viele Fans das als Auflösung missverstanden. „Doch Liima ist ja im Grunde Efterklang, zusammen mit Tatu und mehr Raum für Kreativität und Experimente“.

Dazu gehört auch die Gründung des Webradios „The Lake“, das rund um die Uhr Musik spielt. Liima haben es mit zwei Freunden aus Kopenhagen als eine Art Inspirationsquelle gegründet. „,The Lake ist einfach großartig. Wir hören all diese gute Musik und treffen auf der ganzen Welt großartige Musiker und die Idee war, einen Ort zu schaffen, um all das zu sammeln, um Künstlern zu helfen und uns selbst inspirieren zu lassen.“ Geld verdient daran niemand, Clausen sagt, sie könnten gerade mal die Rechte zum Abspielen der Musik bezahlen.

Unterschiedliche Künstler aus verschiedenen Ländern auf dem Festival

Das Radio spielt die eingespeisten Songs nach dem Zufallsprinzip ab. Die Musik ist experimentell, Bill Callahan wechselt sich ab mit Kompositionen von Jonas Munk, Ennio Morricone folgt auf Vogelstimmen aus dem Regenwald, ein Song reiht alle Seufzer, Grunzer, Jauchzer und Stöhnlaute von Michael Jackson aneinander - im Takt. Es gibt keine Trackliste, ist der Song vorbei, ist er vorbei, kommt aber irgendwann wieder. „Manchmal schalten wir ,The Lake ein und es ist genau das, was wir gerade brauchen. Und manchmal eben nicht. Ich finde die Idee schön, dass es einen Ort gibt, an dem Tag und Nacht Musik gespielt wird. Und an dem durch die unterschiedlichen Kombinationen der Stücke immer wieder etwas Neues entsteht. ,The Lake ist ein See und die Songs sind viele kleine Fische, die sich dort miteinander tummeln.“

Auch das Line-up des Festivals am 29. August ist von „The Lake“ beeinflusst. Die Idee war möglichst unterschiedliche Künstler auftreten zu lassen. Kollegen, die Liima bewundern oder mit denen sie befreundet sind. Die meisten Gäste kennen die Dänen nicht persönlich, so zum Beispiel den syrischen Sänger Omar Souleyman oder den US-amerikanischen Künstler und Experimental-Musiker Lonnie Holley. Mit Wildbirds & Peacedrums waren Efterklang hingegen auf Tour und sind eng befreundet.

Es sieht danach aus, als wollten sich Liima mit dem Festival auch selbst ein Geschenk machen. „Wir hoffen sehr, dass die Leute kommen, auch wenn das Festival in Weißensee stattfindet. Für uns war es wichtig, etwas Neues zur Berliner Festivalszene beizusteuern, was nicht geht, wenn man sich irgendwelche Locations in Kreuzberg oder Neukölln sucht“, sagt Mads Brauer. Ein Erfolg steht schon jetzt fest: Die Festivallandschaft von Weißensee, die vor allem aus dem jährlichen Blumenfest besteht, wird das By The Lake- Spektakel auf jeden Fall beleben.

Freilichtbühne Weißensee, Große Seestraße 9, Samstag, 29.8. ab 13 Uhr.

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