Festival Jazzdor : Schönheit ohne Scham

Aquarell und Linie: Im Berliner Kesselhaus wird das deutsch-französische Jazzfestival Jazzdor eröffnet. Hier entsteht eine verdienstvolle Bühne für die stark gewachsene Jazzszene.

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Das Lisbeth Quartett auf dem Festival "Jazzdor"
Das Lisbeth Quartett auf dem Festival "Jazzdor"Foto: Dunkelkammerpictures - Michael Felsch

Das Europa der Regionen ist auch dem Jazz schon lange nicht mehr fremd. Es löst die nationalen Grenzen zwischen Oder und Neiße auf, und es verbindet Musiker diesseits und jenseits des Rheins. All das wäre nicht geschehen, wenn sich nicht auch die deutschen Jazzprovinzen geöffnet hätten. Zwischen Köln und Berlin, wo zwei der namhaftesten Hochschulen angesiedelt sind, die ihre jeweils eigenen Szenen ausgebildet haben, wird mehr denn je gereist, ja überall, wo Jazz unterrichtet wird, in Weimar, Dresden, Hannover oder Nürnberg, ist Bewegung in eine ihrem Wesen nach kommunikative Kunst gekommen. Ihr Internationalismus wird nur ständig davon bedroht, dass zu viele begabte Musiker an zu wenige Futtertröge drängen: Die Neugier auf andere konkurriert ständig mit der Sorge um das eigene Auskommen.

Obwohl sich die Auftrittsmöglichkeiten in Berlin in den letzten Jahren vervielfacht haben, sind die Möglichkeiten, Geld zu verdienen, kaum gewachsen. Insofern ist es verdienstvoll, wenn das deutsch-französische Festival Jazzdor Strasbourg-Berlin unter seinem künstlerischen Leiter Philippe Ochem zum nunmehr neunten Mal gezielt Musiker aus beiden Ländern zu gemeinsamen Projekten auf die Bühne des Kesselhauses in der Kulturbrauerei einlädt und ihnen nebenbei auch noch Radiozeit verschafft. Zur Eröffnung hätte man sich keinen besseren Botschafter wünschen können als den Tenorsaxophonisten Daniel Erdmann und seine Mitstreiter, den Schlagzeuger Christophe Marguet und den Bassisten Johannes Fink. Erdmann, Absolvent der Berliner Musikhochschule, die zusammen mit der Universität der Künste 2005 das Jazz-Institut gründete, ist seit bald anderthalb Jahrzehnten ein munterer Grenzgänger zwischen Berlin und Paris und in Formationen beider Länder zu Hause. In Paris glaubte er eine Weile sogar, sein Glück machen zu können, bis er entdeckte, dass die Mieten in Berlin gewisse Vorzüge haben.

Die Anstrengung bezwingt die musikalische Leichtigkeit

Doch was mit dem ursprünglich am Bass vorgesehenen und an der Hand verletzten Henri Texier, einem Zentralgestirn des französischen Jazz, zu einem kraftvoll gleichberechtigten Trio hätte werden können, verharrte auf einem mittleren Energieniveau. Das Ungestüm, das diese Musik in ihrem zeitweiligen Aktionismus behauptet, folgt weitgehend der braven Dramaturgie von Thema-Improvisation-Thema. Zwischen lyrischen Unisono-Passagen und freier Improvisation schlagen die Stücke eine Art postmodernen Mittelweg ein. So, wie Marguet zwischen perkussiv Aquarelliertem und hart durchgezählten Rhythmusmustern Kurs zu halten versucht, huldigt Erdmann einerseits mit breitem, sonorem, rauem Strahl dem Ton eines Ben Webster, um die swingenden Linien, die zu ihm gehören, andererseits durch die abstrakten Schraffuren von Ornette Coleman oder John Coltrane zu brechen – oder ganz ins Röhren zu verfallen.

Wie Erdmanns bekannteste Bands Erdmann 3000 oder Das Kapital mit seinen Hanns-Eisler-Verwurstungen liebt auch diese Musik das Fragmentierte, das Zitat und die ironische Distanz dazu. Vielleicht liegt darin auch schon der entscheidende Grund dafür, dass sie nicht zum freien Strömen einer ungehinderten Körperlichkeit findet, sondern vor allem Bassist und Schlagzeuger sichtlich anstrengt.

Das Lisbeth Quartett macht die Romantik zeitgenössisch

Sehr viel entspannter nach der Pause Charlotte Greves schon oft gerühmtes Lisbeth Quartett mit Antonin-Tri Hoang als Gast aus Paris. Sie stehen da wie Brüderlein und Schwesterlein: er Jahrgang 1989, sie Jahrgang 1988, zwei Altsaxophonisten, die einen verführerisch süßen, klaren und schlanken Ton pflegen. Ihre Melodiestimmen sind manchmal nur sanft gegeneinander verschoben und erheben sich ohne große solistische Eskapaden über durchstrukturierten Kompositionen, die Wohlklang und Schönheit nicht scheuen, ohne glatt zu sein. Denn was passiert nicht alles im Inneren dieser schimmernden Gebilde. Drummer Moritz Baumgärtner, Greves einstiger Kommilitone vom Jazz-Institut, fungiert als feinsinnig nervöser Querschläger im Untergrund. Pianist Manuel Schmiedel fügt sparsame Texturen ein, und Bassist Marc Muellbauer singt sich aus den Tiefen seines Instruments hinein ins Geflecht des Ganzen. Zeitgenössischer findet man solch einen im Grunde romantischen Gestus selten.


Weitere Konzerte mit jeweils drei Bands am Donnerstag, 4.6., und Freitag, 5.6., um 20 Uhr im Kesselhaus. Infos unter www.jazzdor-strasbourg-berlin.eu. Aufzeichnungen auf Deutschlandradio Kultur, u.a. am 27.7, 20.03 Uhr (Lisbeth Quartett)

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