Festival : Maerz-Musik: Immer auf eigene Gefahr

Volle Säle, heller Jubel: Das Berliner Festival Maerz-Musik mixt alle Genres. Und man fragt sich leise: Wo bleibt die Musik?

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Als wär’s Tokio. Szene aus Yutaka Makinos „Conflux“ im Berghain.
Als wär’s Tokio. Szene aus Yutaka Makinos „Conflux“ im Berghain.Foto: Kai Bienert

„Personen mit Herz- oder Atemwegserkrankungen können leider nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Sie sind verpflichtet, Gehörschutz zu benutzen. Notrufzeichen im Gefahrenfall: Beide Arme über dem Kopf schwenken.“ Im Berghain herrscht Dunkelheit, dichter, weißer Nebel strömt von allen Seiten in den Raum, brummende Bässe verstärken die Orientierungslosigkeit. Das Setting einer Gaskammer? Radioaktive Wolken? „Conflux“ nennt der japanische Komponist Yutaka Makino seine Installation, die – beabsichtigt oder nicht – gegenwärtiges mit historischem Unbehagen mischt. Willkommen bei Maerz-Musik 2011, dem Festival für aktuelle Musik.

Am selben Abend im Kammermusiksaal: Ein etwas verstaubt wirkender Herr sitzt neben dem Ensemble Alter Ego vor zwei Schallplattenspielern, einer Klaviatur und einem Mischpult. Philip Jeck, Meister des Turntable, wirkt bei seinen Einsätzen fast selbstvergessen, als säße er in seinem Arbeitszimmer, ohne Gedanken an Publikum oder Performance. Seine Vinylplatten setzt er improvisatorisch ein, während das Ensemble ein komplexes, aus demselben musikalischen Material generiertes, dramaturgisch intelligentes Stück von Bernhard Lang spielt, Loops und Scratches simuliert. Langsam nähern und vereinen sich schließlich Ensemble- und Turntableklänge. Konzeptionell ist das spektakulär, von äußerem Spektakel jedoch keine Spur. Kein Wandern im Raum, keine Szene, keine Lichteffekte. Für 60 Minuten nur Musik. Für einige Festivalbesucher sicher eine Erholung, für andere ein Grund, zu gehen. Willkommen bei Maerz-Musik 2011.

Wie fast alle Veranstaltungen, ist auch diese gut besucht. An extrem diversen Orten extrem diverse Publikumsschichten anzusprechen, ist Maerz-Musik-Chef Matthias Osterwold mit „Klang – Bild – Bewegung“ trefflich gelungen. Quasi alles ist erlaubt: Film, Video, Raumkomposition, Audiovisuelles, Installationen, Bühnenmusik, traditionelle und modifizierte Konzertformen. Allerdings birgt ein so breites interdisziplinäres Spektrum auch Risiken – der Illustration, der Ablenkung.

Nicht selten bestimmt die Spektakelgröße die Publikumsbegeisterung. Selbst bizarre Acts wie Michael Vorfelds Glühlampenmusik im Café Moskau stoßen auf helle Begeisterung. Der Kuriositätswert hilft da gern über musikalische Leerläufe hinweg. Oder auch der beabsichtigte Widerspruch: Enno Poppe als Komponist eines improvisierten Abends mit dem Kölner Ensemble Musik-Fabrik? Poppe fungiert weniger als Komponist denn als Regisseur einer inszenierten Improvisation mit rund 200 Instrumenten: „Tiere sitzen nicht.“ Alle steigen hier aus ihren gewohnten Rollen aus, eine Sammlung von Synthesizern aus den 60er, 70er Jahren weckt vertraute Assoziationen. Erneut ist der Unterhaltungswert einer solchen Bühnenshow zwar groß, die schauspielerischen Einsätze der Musiker aber irritieren. Der Musiker ist eben kein Schauspieler – woran auch das Konzert des Ensembles Ascolta tags darauf in der UdK zunächst nichts ändert. Zwischen Elena Mendozas „Fragmentos de teatro imaginario“ und Jennifer Walshes „Violetta Mahon’s Dream Diaries 1988–2008“ lässt sich allerdings der frappante Unterschied erkennen, dass die Abwesenheit von Sinn bei Walshe die Musiker plötzlich zu überzeugenden Darstellern werden lässt, obschon ihnen die absurdesten Aktionen abverlangt werden. Sinnfreiheit als letzte, wahre Freiheit?

Ein Treffer unter den interdisziplinären Experimenten ist zweifellos die Serie „Neue Musik zu alten Filmen“. Wie nähert man sich der uns doch sehr fernen Theatralik des Stummfilms, ohne diese der Lächerlichkeit preiszugeben? Die Ansätze dazu sind unterschiedlich. Die vom Ensemble Modern gespielte Musik von Martin Matalon zu Fritz Langs Kultfilm „Metropolis“ (1927) erfüllt alle Kriterien der Filmmusik. Der Monumentalität des Films entsprechend baut er eine bombastische, hyperpräsente zeitgenössische Klangkulisse auf, mit Elementen aus Jazz, Rock und Elektronik. Solche Effekte sind explizit für ein Publikum mit historischer Distanz gedacht und interpretierbar. Subtil, poetisch und mit einem großen Vertrauen in die Modernität ihrer Filmvorlage „Taki no shiraito“ (1933) geht hingegen die japanische Komponistin Misato Mochizuki vor. Ihr Sinn für Zeit und Stille lässt Momente im Film magisch hervortreten wie ein atmosphärisches Barometer. Dabei erweist sich „Taki no shiraito“ thematisch keineswegs als veraltet: Eine junge Schauspielerin verliebt sich in einen armen Kutscher und finanziert ihm ein Jurastudium im fernen Tokio, ganz ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Post-Feminismus oder zeitloser Männertraum? Das Ende ist jedenfalls fatal.

Die letzte Veranstaltung der Serie steht noch bevor: „Ein Sechstel der Erde“ von Dziga Vertov mit Musik von Michael Nyman. Auch sieht Osterwolds Festivaldramaturgie fürs verbleibende Wochenende diverse interdisziplinäre Höhepunkte und künstlerische Kollaborationen vor. So trifft der Komponist Michael Wertmüller erstmals auf den Videokünstler Lillevan („Licht-Zeiten“), und die litauische Komponistin Juste Janulyte zeigt in den Sophiensälen ihre Bild-Skulptur-Performance „Sandglasses“. Und spätestens mit der hardcore Audio-Video-Performance „datamatics (ver. 2.0)“ von Ryoji Ikeda im Kraftwerk Mitte schließt sich der Kreis, wenn der Veranstalter mahnt: „Der Künstler setzt während der Performance vorübergehend Stroboskoplicht ein. Die Teilnahme an der Veranstaltung erfolgt auf eigene Gefahr ...“

Infos unter www.berlinerfestspiele.de

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