Festival : Mein Kind, das Monster

Vor der „First Steps“-Gala: Die Nachwuchsfilmer erzählen in ihren Erstlingswerken von dem, was sie kennen: Ihren heillosen Welten.

Christiane Peitz
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Mein Vater, der Versager. Céci Chuh und Birol Uenel in "Die Unerzogenen". -Foto: First Steps

Allein die Titel. „Heile Welt“, „Die Unerzogenen“, „Der blinde Fleck“, „Gegenüber“, „Schweigen ist Silber“ – bei den diesjährigen „First Steps“-Filmpreisanwärtern dreht sich fast alles um die Familie. Was nicht weiter verwundert, denn wovon sollen die Nachwuchsregisseure in ihren Hochschulabschlussfilmen erzählen, wenn nicht von eigener Erfahrung: von Eltern und Kindern und wie sie nicht miteinander zu Rande kommen. Schon die Hofer Filmtage hatten im letzten Herbst das emotionale Prekariat vor Augen geführt, auch in den Beiträgen der Jüngeren. Seht nur, klagten die Kinder, wie unsere Eltern uns vernachlässigt haben. Seht nur, wie schlecht es uns geht. Das war die eher saturierte, wehleidige Tour.

Was aber doch verwundert: Etliche der nominierten „First Steps“-Filme 2007 – die Preise werden bei der heutigen Gala im Berliner Theater am Potsdamer Platz verliehen – schlagen eine weit härtere, radikalere Tonart an. Lag das Augenmerk bei „First Steps“ 2006 auf politischen Stoffen und der Erkundung von Außenwelten, so verblüfft 2007 die Unerschrockenheit, mit der sich die Filme hiesigen Innenlebenswelten nähern.

Vatermutterkind. Kleinbürger(alp)träume. Provinzenge. Großstadtnomaden. Streifenpolizisten, die von der Beförderung träumen, eine Callcenter-Telefonistin, Heimkinder, Straßenstreuner. Das obdachlose Model „Valerie“ (in Birgit Möllers gleichnamigem dffb-Film) ist pleite und lebt in der Tiefgarage des Hyatt-Hotels. Seht nur die Einsamkeit, bedeuten die Jungen im Jahr der großen Demografie- und Familiendebatten, seht nur, wie sehr die Generationen aneinander leiden.

Bereits im letzten Jahr erforschte ein „First Steps“-Dokumentarfilm den blinden Fleck der eigenen Familienchronik. Diesmal begibt sich der dffb-Dokumentarist Florian Aigner auf die Spur eines Jahrzehnte lang gehüteten Tabus seiner Schwiegerfamilie: Omas verheimlichter Sohn. In „Schweigen ist Silber“ wird eben dieses Schweigen über die Generationen weitervererbt, wie ein Virus infiziert es den Kreis der Lieben. Auch in den Langspielfilmen entdeckt die Kamera weniger blutige Dramen als den gefährlich stillen Psychoterror unmerklicher Verbitterung. Es sind die leisen Töne, die erschrecken in jener heillosen Welt, in der die Eltern vor den Kindern Angst haben und umgekehrt.

Mein Sohn, das Monster. Meine Tochter, die Mörderin. In Tom Zenkers „Der blinde Fleck“ (ebenfalls dffb, die Berliner Filmschule stellt neben der HFF München und der Ludwigsburger Filmakademie diesmal die meisten Preisanwärter) greift ein Polizist zu brutalen Mitteln, um seine unter Mordverdacht stehende Tochter zu entlasten und das vermeintliche Familienidyll zu schützen. Bloß nicht in den Abgrund schauen. In Jakob Erwas österreichischen Episodendrama „Heile Welt“ (HFF München) bedroht ein Halbwüchsiger die eigene Mutter mit dem Messer, nur damit sie das Sparbuch rausrückt. Ein starkes Stück Kino, mit mal honiggelb, mal grünstichig eingefärbten Bildern. Die einzige Sprache, in der sich die erschöpften Erwachsenen und die im Stich gelassenen Kids verständigen können, ist die der Demütigung und der Gewalt. Erwa versammelt die streunenden Sinnsucher und ihre viel zu früh resignierten Eltern in einem Schicksalsreigen der Ausweglosigkeit. Nicht fatalistisch, aber mit abgrundtiefer Verzweiflung.

Ironie sucht man vergebens

Sind alle so ernst: Comic relief mögen die Jüngeren nicht. Dabei hätte in Pia Marais Chaosfamilienclub „Die Unerzogenen“ (wieder dffb) die Ironie der Geschichte nahe gelegen, geht es doch um die konservativen Kinder der 68er. Die Unerzogenen, das sind die Eltern, Loser und Langzeit-Aussteiger, deren Tochter vom Ende des Lotterlebens träumt, von Schulbildung und einem ordentlichen bürgerlichen Haushalt – ähnlich wie einst Julia Hummer als Tochter eines RAF-Paars in „Innere Sicherheit“. Misstrauisch, verächtlich und sehnsüchtig schaut sie auf die Großen: Genau diesen Blick werfen auch die anderen Filme auf die Entfremdung der Generationen.

Verdrängung, Trauma, Sprachlosigkeit: In Jan Bonnys Ehehöllendrama „Gegenüber“ (KHM Köln), der im Oktober ins Kino kommt, scheuen die erwachsenen Kinder ebenfalls vor den Eltern zurück. Ein Polizist, eine Lehrerin, man möchte es nett haben miteinander, aber da ist der gönnerhafte Schwiegervater, die Unfähigkeit, sich zu wehren, das Hämatom, das die Kollegen nicht sehen dürfen. Gewalt in der Ehe, ein Kammerspiel mit vertauschten Rollen. Auch die hohe Könnerschaft, mit der die Nachwuchsfilmer ihren Schauspielern in Extremsituationen zur Seite stehen, prägt die Spielfilme dieses Jahrgangs.

Da passt es, wenn heute Abend neben den mit 82 000 Euro dotieren Auszeichnungen in den Kategorien Kurzfilme, Spielfilme bis zu 60 Minuten, Langfilme und Werbefilme erstmals auch „First Steps“-Schauspielerpreise vergeben werden. Überhaupt: Der vor sechs Jahren privat initiierte Preis samt der Gala als Spätsommertreff der Branche wird von Jahr zu Jahr wichtiger: ein Sprungbrett für die Regisseure von morgen und ein Hauch von Berlinale-Gefühl am Potsdamer Platz.

Wie wir wurden, wer wir sind. Mit entwaffnender Ehrlichkeit stellt sich Wim Wenders in Marcel Wehns Ludwigsburger Dokumentarfilm „Von einem, der auszog“ den Fragen nach seinen frühen Jahren. Wunderbar komisch und bitterernst: die Geschichte, wie der junge Wenders den Verzehr von drei Haschkeksen beinahe nicht überlebte,sich danach einer klassischen Freud’schen Analyse unterzog und „Summer In The City“ drehte. Auch das ist Filmkunst: die Stärke, die man aus dem eigenen Defizit zieht.

Informationen unter www.firststeps.de

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