Kultur : "Festival Musik und Politik": Der Viervierteltakt als Klassenfeind

Volker Michael

Nie war der Spruch "Totgesagte leben länger" so wertvoll wie heute. Zum Beispiel beim "Festival des Politischen Liedes": Einst von der FDJ gestaltetes Schaufenster zur großen weiten Welt in der Rebublikshauptstadt hat es sich dreißig Jahre nach seiner Gründung umbenannt und wird nun (von den gleichen Initiatoren!) als "Festival Musik und Politik" weitergeführt.

Was aber bewirkt die Namensänderung? Die beabsichtigte Horizonterweiterung? Eine Spaltung der ohnehin stark abgemagerten Szene? Das vergangene Wochenende in der Wabe am Ernst-Thälmann-Park präsentierte da eher dürftige Ergebnisse. Zunächst schien die Ausgangsidee durchaus interessant: So disparate Stile wie Lied, Satire, HipHop, Diskursrock, Punk oder Akademische Avantgarde werden auf ihren jeweiligen politischen Gehalt hin befragt. Stillschweigend aber setzten die Teilnehmer des Festivals - auch die mitveranstaltende Hanns-Eisler-Gesellschaft - voraus, dass es dabei um linke politische Ansichten zu gehen hätte. Ein (politisches) Missverständnis?

Gewiss, dem kommerziellen Musik-Mainstream wird zunehmend und nicht ganz zu Unrecht Rechtslastigkeit unterstellt. Jede alternative Musikszene - ob ewig jugendlicher HipHop, stets ätzender Punk oder allzeit reflektierende Avantgarde - versteht sich da gern als klingende Wärmestube: Draußen lauern der böse "BigBrother" und andere Ausgeburten zukünftiger Musikkonsumenten-Generationen. Letztere gehören neben dem Viervierteltakt an sich zu den Lieblingsfeindbildern "engagierter Musiker", wie Friedrich Schenker betonte.

Im akademischen Festival-Konzert "Politische Kammermusik der 90er Jahre" spielten Studenten und Dozenten der Berliner Musikhochschulen Werke mit mehr oder minder politischem Hintergrund. Die einzelnen Notenhälse akademischer Musik freilich erhalten erst ein politisches Gesicht, wenn sie mit literarischen Ebenen und traditionell-musikalischen Scharnieren verzahnt werden. Wenn also die "beat-generation" eines Alan Ginsberg auf die Sambapfeiffen der Hispanics trifft und eine vielschichtige, gut hörbare Sozialstudie der "anderen Kultur Amerika" gelingt. Bei dem clusterhaften Pianosolo"Statement zu einem Faustschlag Nonos" oder der "Bagatelle mit Klosprüchen" des ehemals Agitprop-nahen Nicolaus A. Huber wiederum wurde deutlich, wie ähnlich sich Avantgarde und Punk sein können - wenn sie dem Plakativen huldigen.

Programmatisch zwischen allen Stühlen hingegen saß der 1995 gestorbene Reiner Bredemeyer. Mit seinem "Aufschwung Ost" von 1993 versuchte der vom Westen in den Osten gegangene Komponist einen Kommentar zur Politik, indem er ein Klavier-Phantasiestück des "Ostdeutschen" Robert Schumann paraphrasierte, der seinerseits "im Westen irre" wurde. Eine Verfremdung, eine kompositorische Überfrachtung mit schwer hörbaren Symbolen.

Verfremdung und Verrätselung in Reinkultur lieferte auch Friedrich Schenker selbst, mit seinem "Andres Wachtlied" für Posaune Solo, nach einem Gedicht von Volker Braun. Wenigstens hier also linke Essentials? Goethe, Weimar, Buchenwald, Walser-Bubis-Debatte, innovative Klänge - und, immerhin, eine gehörige Portion Humor. Wie eine Vorwegnahme des Aschermittwoch ließ sich auch eine Diskussionsrunde zum Thema "Spaßkultur statt Engagement" an. Vertreter der weniger akademischen Musikstile rangen um Antworten auf die herrschende "Big-Brother"-Kultur. Wichtigste Erkenntnis: Schon das Festival des Politischen Liedes wurde nur ins Leben gerufen, um Mädchen aus dem Ausland in den Arbeiter- und Bauernstaat zu locken. Darum also geht es den heutigen Linken: Der Hamburger Diskurspunker Frank Möller ("Knarf Rellöm") lernte durch Politik viel über Sex. Wiglaf Droste (der jetzt auch singt) konnte wunderbar erzählen, wie er in einem Kaufhaus am Herrmannplatz kaufen mußte, was er finden konnte, statt zu finden, was er kaufen wollte, und - viel wichtiger - wie er herausfand, dass der gestellte weibliche Orgasmus ("Ui, ui!!") viel eher eine wichtige Errungenschaft der menschlichen Zivilisation ist als das Gewaltmonopol des Staates.

Im Übrigen war das "Festival Musik und Politik" eine reine Männerveranstaltung. Die einzige schöpferische Künstlerin wäre Barbara Thalheim gewesen. Doch sie hatte ihren Auftritt kurzfristig abgesagt: "Meine Lieder sind wie meine Kinder." Und die läßt sie nur laufen, wenn sie sich sicher sein kann, dass sie gut behandelt werden.

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