Kultur : Festival of Vision (II): Traum vom Spiegelzelt

Kai Müller

Als Ulrich Sacker, Direktor des Hongkonger Goethe-Instituts, im Sommer die Grundzüge des Kulturfestivals skizzierte, mit dem sich Berlin dieser Tage in der asiatischen Handelsmetropole präsentieren wird, da fiel ihm vor allem eines ein: ein Spiegelzelt. Es sollte - als ein für Berlin typisches Provisorium - auf einem mehrere Fußballfelder großen betonierten Freigelände im Schatten des Bankenviertels aufgestellt werden. Vor seinem geistigen Auge sah Ulrich Sacker dort schon türkische Techno-Transvestiten, osteuropäische Folkies sowie afrikanische Hiphop-Sänger Konzerte geben. Etwas von der "transnationalen kulturellen Identität" Berlins sollte seinen Wünschen zufolge so auch nach Asien herüberschwappen.

Zwar musste das Goethe-Institut von der hübschen Spiegelzelt-Idee wieder abrücken, sie erwies sich, wie sich herausstellte, als zu kostspielig. Doch dem Grundgedanken eines transnationalen Kulturfestivals sind die Veranstalter treu geblieben. Bis zum 20. Dezember werden über 400 Künstler, Modedesigner, Musiker und Multimedia-Spezialisten unterschiedlichster kultureller Prägung nach Hongkong reisen, um einen Dialog einzuleiten, der weit über das Festivalprogramm hinaus für produktive Beziehungen sorgen soll. Den Protagonisten dieses Austauschs ist vor allem eines gemeinsam: Sie leben und arbeiten in Berlin. Darüber hinaus freilich verbindet sie kaum etwas.

So setzt sich in der ehemaligen britischen Kronkolonie fort, was vergangenen Juli im Rahmen des "Festivals of Vision" in Berlin begonnen worden war. Nicht hochsubventionierte Staatskünstler werden eingeladen, sondern die Kreativen des Subground, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die in beiden Städten rasant wachsende Multimedia-Industrie gelegt wird. Neben zahlreichen Workshops finden in den kommenden Wochen an jedem Abend Konzerte von unter anderem Ich schwitze Nie, Aziza A., Terranova, Pole und Alexander von Schlippenbach statt, sowie Tanzaufführungen und Performances von Jo Fabian, Anna Huber oder der Tanzcompagnie Rubato. Außerdem findet sich in einem Seitenflügel des vom Hongkonger Star-Architekt Rocco Yim konzipierten Bambus Pavillon die Ausstellung "Quobo - Kunst in Berlin 1989 bis 1999", ausgerichtet vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), in der sich 14 prominente Künstler präsentieren.

Etwas Vergleichbares habe es in Hongkong bislang nicht gegeben, meint Ulrich Sacker. "Die britische Kolonialregierung interessierte sich nicht sonderlich für die chinesischen Bedürfnisse. Seit der Rückgabe an China nun will Hongkong Asiens Kulturhauptstadt werden, aber es hat bisher geglaubt, dass man Kultur einkaufen kann." Für das Festival bat Sacker beim Innenministerium der Sonderverwaltungszone um finanzielle Unterstützung, die ihm in Höhe von 1,5 Millionen Mark gewährt wurde. Vor einiger Zeit wäre es noch undenkbar gewesen, dass chinesische Behörden ein Kulturprogramm unterstützen, auf dessen Gestaltung sie nicht den geringsten Einfluss haben.

Mit dem Ende der Veranstaltungsreihe, an der auch asiatische Künstler teilnehmen, soll die Zusammenarbeit zwischen Hongkong und Berlin nicht abgeschlossen sein. Vielmehr hoffen beide Seiten auf eine fruchtbare, der jeweils eigenen urbanen Identität förderliche Partnerschaft.

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