Festival "Tanz im August" : Wenn Frauen Macker sind

Erotisches und Politisches beim Berliner „Tanz im August“.

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Körpereinsatz. Die Tänzerin Eisa Jocson beim Macho-Dance. Foto: Giannina U. Ottiker
Körpereinsatz. Die Tänzerin Eisa Jocson beim Macho-Dance. Foto: Giannina U. Ottiker

„Ich habe eine Wahrheit zu erzählen. Doch es könnte auch eine Lüge sein", sagt Boyzie Cekwana und sorgt damit gleich für Konfusion. Mit einem langen Monolog hebt das Stück „The Inkomati (dis)cord“ an, das der südafrikanische Choreograf zusammen mit Panaibra Canda aus Mosambik erarbeitet hat. Ausgangspunkt der Performance, die beim „Tanz im August“ zu sehen war, ist ein historisches Ereignis: In dem Nkomati-Abkommen von 1984 sicherten sich Südafrikas Apartheidsregime und Mosambiks sozialistischer Präsident Samora Machel zu, die Widerstandsbewegungen im anderen Land nicht weiter zu unterstützen. De facto allerdings änderte sich nichts.

1984 lebten Cekwana und Canda, damals noch Kinder, auf zwei Seiten des Flusses Nkomati, nach dem das Abkommen benannt wurde. Ihr Stück ist einerseits der Versuch, sich auf ihre gemeinsamen Geschichte zu besinnen. Doch beiden Künstlern geht es vor allem darum, die Geschichtslügen zu entlarven. Dabei greifen sie zu grotesken Maskeraden. Anfangs verdecken die vier Performer ihr Gesicht mit weißen Papierblättern samt Gucklöchern. Zuerst sind sie unbeschriebene Blätter, die behinderte Performerin Maria Tembe lugt dann hinter einer hingekritzelten Fratze hervor. Die vier formieren sich in staatsmännischer Pose hinter einem Bilderrahmen, doch Tembe, die Frau ohne Beine, wird sogleich aus dem Bild geworfen. Zum Freaktheater wird das Stück nicht, doch das Duett mit Canda ist verstörend: Fest umklammert Tembe den Partner; so heftig er sie auch herumschleudert, er wird sie nicht mehr los. Der Tanz der Versehrten wird hier zur Metapher für den Bürgerkrieg – dabei aber auch überstrapaziert. Prägnanter ist die Schlussszene, in der die Kommunikation ständig neue Missverständnisse hervorbringt. Die Geschichte einer Frau mit zwei Liebhabern wird immer verworrener, denn es muss fortlaufend übersetzt werden. Tembe, die einen afrikanischen Dialekt spricht, bringt nur ein Nuscheln hervor, denn sie hat sich mit einem Kreppband den Mund zugeklebt. Amelia Socovinho ist ihre Dolmetscherin, Boyzie Cekwana, der sich mit Blondhaarperücke in einen tuntigen Weißen verwandelt, übersetzt ins Englische, Canda ins Portugiesische. Die Variante des Kinderspiels „Stille Post“ wird immer abstruser: So wird von einem Dorf erzählt, in dem es keinen Arzt und kein Kentucky Fried Chicken gibt – und die Antibabypillen der Frau entpuppen sich als reines Acid. Cekwana und Canda gelingen starke Bilder, doch die Aufführung lässt die Zuschauer ratlos zurück. Das Stück will einen eigenen Blick auf die afrikanische Geschichte werfen, doch es zeigt nur die Fratzen der Macht und bleibt in überzogener Symbolik stecken. Kulturelle Grenzen, das zeigt der Abend, sind nun mal nicht so leicht zu überspringen.

Vor solche Verständigungsprobleme stellt die philippinische Tänzerin Eisa Jocson nicht. Sie zeigt ein zugleich lustvolles wie verwirrendes Spiel mit den Geschlechteridentitäten. Jocson hat in den Nachtclubs von Manila die Posen der Macho-Dancer studiert, die für Schwule und Frauen tanzen. Bei der Gestalt, die sich anfangs aus dem Bühnennebel herausschält, weiß man zunächst nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Jocson trägt Hotpants, dazu metallbeschlagene Cowboyboots, die bei jedem Schritt ein donnerndes Geräusch erzeugen. Zu Heavy-Metall-Musik steht sie so breitbeinig da, als sei sie gerade vom Pferd gestiegen. Die Macho-Dancer kommen meist aus unterprivilegierter sozialer Stellung, ihre Posen aber künden von männlicher Potenz und Dominanz. Erstaunlich ist, wie perfekt sich Eisa Jocson sich dieses Mackertum angeeignet hat. Die aufreizende Anspannung, die aufgeblasene Selbstsicherheit, die stoßenden Beckenbewegungen.

Eine so unverschämte Anmache hat das Publikum beim „Tanz im August“ noch nicht erlebt. Bei Eisa Jocson käme keiner auf die Idee, sie für ein Sexobjekt zu halten. Es wird noch schärfer nach dem Kostümwechsel: Die Tänzerin trägt nun knappe Lederpants auf die Bühne, die sich im Schritt verdächtig wölben. Sie zieht ihr Muskelshirt aus und tanzt nun oben ohne und unten mit. Bei Jocson müssten alle Anhänger der Gender-Studies in Verzückung geraten, denn sie ist ein verführerischer und taffer Hermaphrodit. Ein Spiel mit der Verführung und dem Voyeurismus ist „Macho-Dancer“ ja auch, hier darf der Theaterbesucher mal nach Herzenslust der Schaulust frönen. Freilich büßt der Tanz mit der Zeit seinen Reiz ein.

Beim Festival wurde sie schon öfter gesehen und diesmal auch offiziell vorgestellt: Die Finnin Virve Sutinen wird den „Tanz im August“ 2014 und 2015 leiten. Mehr Geld wird es nicht geben, stellte Staatssekretär André Schmitz beim Pressegespräch gleich klar. Doch immerhin gibt es eine größere Planungssicherheit: Das Festival ist für zwei Jahre abgesichert. Sutinen ist eine erfahrene Kuratorin und international bestens vernetzt. Ein Festival wie „Tanz im August“ soll die Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes zeigen, betonte sie, es müsse aber auch in der lokalen Szene verwurzelt sein. In einem ersten Schritt will sie deshalb die Berliner Tanzszene erkunden.Sandra Luzina

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