Festival : Wo bitte geht’s zur Ekstase?

Christine Wahl schwitzt sich die Krise aus dem Leib. Im Hebbel unter dem Motto Politics of Ecstasy/Altered States of Presence wird "körperlicher und mentaler Zustand des Außer-Sich-Seins" erprobt.

Christine Wahl

Die Wirtschaftsprognosen werden immer düsterer, Berlin braucht neue Kredite, die Bahn forscht ihre Mitarbeiter aus, und der Winter geht auch nicht vorbei. Bei den täglich ins Haus flatternden Hiobsbotschaften kann es eine gute Idee sein, mal aus sich herauszutreten und mittels bewusstseinserweiternder Techniken aus neuen Perspektiven auf das Geschehen zu blicken. Das Hebbel am Ufer bietet dafür ab heute ganze neun Festivaltage: Unter dem Motto Politics of Ecstasy/Altered States of Presence wird unter Anleitung hochqualifizierter Fachkräfte vom Schamanen über den Aerobic-Trainer bis zur Ekstase Theoretikerin ein "körperlicher und mentaler Zustand des Außer-Sich-Seins" erprobt.

Wie die jüngsten Erfahrungen lehren, ist es dabei wichtig, sich nicht auf andere zu verlassen, die das geballte Potenzial möglicherweise verzocken, sondern in erster Linie auf sich selbst. Neben der "Schwitzhüttenzeremonie" (28.1., 17.30 Uhr) oder der Teilnahme an einem kollektiven 60-minütigen Nonstop-Auftakt-Gelächter im HAU 2 (heute ab 21.30 Uhr) mit anschließendem Essen in wohlverdienter Stille empfiehlt sich besonders die "Ecstatic Kitchen": Am 24., 26., 27., 29. und 30.1. bereitet der Berliner Frische-Koch Manuel Czech ab 17 Uhr im HAU 2 feine Speisen zu; morgen beispielsweise Cassoulet mit HAU-Chef Matthias Lilienthal und der israelischen Choreografin Yasmeen Godder. Dass die Entgrenzungserfahrungen der Festivalbesucher lange vorm ersten Gabelhappen - nämlich beim basisdemokratischen Gemüseschnippeln - beginnen, versteht sich von selbst.

Man kann sich auch an den Ekstasen der anderen berauschen, etwa bei den frühen Filmen von Christoph Schlingensief. Der Choreograf Jeremy Wade zeigt in seiner neuen Arbeit "I offer myself to thee" im HAU 1 (25./26.1., 20 Uhr), wie man in einer halluzinogenen Mixtur aus Gottesdienst, Motivationsseminar und Party Glücksgefühle produziert. Und in Yasmeen Godders "Singular Sensation" (heute 19 Uhr, morgen 19.30 Uhr, HAU 2) versuchen zur Eröffnung fünf Tänzer in permanenter Selbst- und Fremdsimulation aus Gewalt, Zärtlichkeit, Regression und Einsamkeit Empfindungen zu generieren. "Nur Mut," so das Motto: "Sobald man die distanzierte Beobachterperspektive hinter sich gelassen hat, macht das Ganze noch mehr Spaß!"

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