Festival Young Euro Classic im Admiralspalast : Unter vollen Klangsegeln

Das Festival Young Euro Classic bringt die besten Jugendorchester der Welt zusammen. In diesem Jahr muss dafür eine Ersatzspielstätte akustisch fit gemacht werden.

Moritz Eckert
Junge Musikerinnen und Musiker
Junge Orchester aus der ganzen Welt sind auch in diesem Jahr wieder für Young Euro Classic in Berlin zu Gast.Foto: Kai Bienert

In den letzten Jahren hatte Young Euro Classic den Erfolg fast schon gepachtet. Jugendorchester aus der ganzen Welt rissen sich um die Teilnahme, die Karten verkauften sich wie von selbst und mit dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt hatte das Festival eine stilvolle Heimat im Herzen Berlins gefunden. In diesem Jahr sollte die Sache etwas schwieriger werden. Von Juli bis September wird renoviert im Konzerthaus, die Hauptbühne muss fit gemacht werden für die nächsten Jahre. Alternative Spielstätten mussten her. Im Juni standen die jungen Orchester in der Philharmonie auf der Bühne, ab dem heutigen Freitag geht es nun an die Friedrichstraße – der Admiralspalast wird Ausweichquartier für die zweite Runde von Young Euro Classic.

Das bringt das ein oder andere Problem mit sich. Eigentlich gastieren im Admiralspalast eher Popmusiker und Musicals. Die für ein Symphonieorchester optimalen Klangvoraussetzungen sind hier nicht zu finden.

Ralf Bauer-Diefenbach heißt der Mann, der den traditionsreichen Vergnügungspalast in ein Konzerthaus verwandeln soll. Wenn der Ingenieur ins Erzählen kommt, dann merkt man ihm seine Leidenschaft sofort an – nicht nur für Akustik, sondern auch für klassische Musik. „Eine Herzenssache“ sei ihm die Arbeit für Young Euro Classic, gerade wegen der Begeisterung der jungen Musiker. „Am liebsten würde ich das den ganzen Tag über machen“, sagt Bauer-Diefenbach lächelnd. Im Admiralspalast jedenfalls hat er eine Menge zu tun.

Eine Sekunde Nachhallzeit haben Bauer-Diefenbach und seine Kollegen im großen Saal gemessen, ideal wären 3,5. Im Akustikerslang: Der Raum ist zu trocken. Der Schall wird an allen Ecken und Enden geschluckt, beispielsweise von den plüschigen Sesseln und dem Bühnenturm. Gerade auf der Bühne ist es aber wichtig, dass die Akustik makellos ist. Denn je besser sich die Musiker gegenseitig hören, desto sensibler und rücksichtsvoller können sie spielen. Deswegen haben sich Ralf Bauer-Diefenbach und seine Kollegen etwas einfallen lassen.

Es wird mit verschiedensten Genres jongliert

Zunächst werden die Musiker, wie in Konzerthäusern üblich, auf verschiedene Podestgruppen verteilt. So wird vermieden, dass die Instrumentalisten auf den hinteren Plätzen hinter einer Klangwand aus Streichern untergehen. Wichtigste Änderung ist die Installation von Deckensegeln und speziellen Bodenplatten. Diese Platten sind auf den ersten Blick komplett hölzern, verbergen in ihrem Inneren aber winzige Metallstreifen, die den Schall wie durch eine Art Kanal leiten und mit einer Verzögerung von 30 Millisekunden wieder freigeben. Und auch in den transparenten Deckensegeln sind diese Streifen zu finden. „Dadurch werden die Schallanteile der Instrumente erhöht. So kann man beispielsweise die Oboe im Orchester sofort orten“, erklärt Bauer-Diefenbach.

Wichtig ist zudem, dass die Akustik in diesem Young-Euro-Classic-Jahr vielen verschiedenen Musikstilen gerecht wird. Es wird nämlich mit verschiedensten Genres jongliert. Bei den Auftritten des Joven Orquesta Nacional de España (8. August) und des Bundesjugendorchesters (9. August) geht es zu Festivalbeginn mit Werken von Richard Strauss und Anton Bruckner noch eher klassisch zu. Danach aber stehen im Admiralspalast eine Menge Experimente auf dem Spielplan. So versucht beispielsweise die Junge Deutsche Philharmonie am 10. August zusammen mit zwei Schauspielern und einem Musiksoziologen, das Wiener „Watschenkonzert“ aus dem Jahr 1913 zu rekonstruieren. Damals gingen im Musikvereinssaal Gegner und Verfechter zeitgenössischer Musik aufeinander los und teilten Ohrfeigen aus. Der 13. August steht im Zeichen des Musiktheaters, die niederländische NJO Sinfonietta und die Dutch Royal Opera Academy bringen Erich Wolfgang Korngolds zwischen Oper, Operette und Musical schwankendes Stück „Die stumme Serenade“ von 1954 auf die Bühne. Und am 16. August kommt es zu einer Begegnung von Klassik und Jazz – das O/Modernt Kammerorkester und der schwedische Posaunist Nils Landgren musizieren miteinander.

"Akustik ist kein Dogma."

Viele verschiedene Herausforderungen also für Ralf Bauer-Diefenbach und seine Mitarbeiter, allerdings hat sich der Ingenieur mit ungewöhnlichen Projekten bereits einige Lorbeeren verdient. So konzipierte er die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker und richtete dem Orchester nach dem Philharmoniebrand 2008 einen Hangar im Flughafen Tempelhof für ein Konzert her. Ein Jahr später kümmerte er sich am gleichen Ort um den Klang für Stockhausens „Gruppen“. Da ist der Admiralspalast natürlich schon eine sehr viel konventionellere Spielstätte, weshalb Bauer-Diefenbach dem Festivalbeginn ziemlich gelassen entgegensieht. Denn er weiß: „Akustik ist kein Dogma.“ Treffen viele Menschen in einem Raum aufeinander, so bringt das auch immer genauso viele spezielle Vorstellungen vom idealen Klang mit sich. Diese ansatzweise zusammenzuführen – das ist die Aufgabe der Akustiker. Bereits bei den Proben hören sie zu, kontrollieren die Akustik und nehmen letzte Verbesserungen vor. Und so dürfte den Orchestern bei Young Euro Classic eigentlich nichts mehr im Wege stehen auf dem Weg zu bejubelten Auftritten. Wie in den letzten Jahren.

Young Euro Classic läuft vom 8. bis zum 17. August im Admiralspalast. Informationen unter www.young-euro-classic.de

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