Kultur : Festival zweier „Königinnen“

Der Internationale Orgelsommer Potsdam wird 20 Jahre alt / Heute Auftakt mit Claudio Brizi

Klaus Büstrin
Eine der „Königinnen“. Die Symphonische Orgel des Marburger Orgelbaumeisters Gerald Woehl in der Friedenskirche. Foto: Andreas Klaer
Eine der „Königinnen“. Die Symphonische Orgel des Marburger Orgelbaumeisters Gerald Woehl in der Friedenskirche. Foto: Andreas...

Anfang 1990 sagte Friedrich Meinel zu Matthias Jacob: „Nun können wir endlich starten.“ Der Kantor der Erlöserkirche atmete tief auf, als im November 1989 die Mauer fiel. Auch Kantor Matthias Jacob von der Friedensgemeinde war von dieser Aufbruchsstimmung gepackt. Nun benötigten beide Kirchenmusiker nicht mehr die Genehmigung der DDR-Behörden, wenn Künstler aus westlichen Ländern Konzerte in ihren Kirchen bestreiten wollten. Meinel und Jacob konnten ihren lang gehegten Wunsch, ein kleines Orgelfestival in ihrer Heimatstadt zu veranstalten, in die Tat umsetzen – in völliger Freiheit: Den Internationalen Orgelsommer Potsdam.

Zwanzig Jahre liegt es nun zurück, dass Friedrich Meinel und Matthias Jacob dieses Festival ins Leben riefen. Der Kantor der Friedenskirche verantwortet mittlerweile Konzeption und Organisation allein, denn Friedrich Meinel hat vor mehr als zehn Jahren das Ruhestandsalter erreicht. Mit dem Eröffnungskonzert in der Friedenkirche wird am heutigen Mittwoch der 20. Internationale Orgelsommer in Potsdam beginnen.

„Mit zwei wunderbaren ,Königinnen‘ warten die Friedens- und Erlöserkirche auf, Instrumente, die in ihrem Klang nicht gegensätzlicher sein können, doch beide sind von hohem Niveau“, sagt Matthias Jacob in einem PNN-Gespräch. Die Orgel mit ihren 37 Registern der neugotischen Erlöserkirche gehört zu den bedeutenden Instrumenten des Potsdamer Orgelbaumeisters Hans-Joachim Schuke, die seine Firma 1964 nach barocken Prinzipien baute. Vor zwei Jahren erlebte sie eine grundlegende Sanierung. Mancher vertritt die Meinung, dass man auf diesem Instrument vor allem Werke von Komponisten der Barockzeit am besten interpretieren könne. Aber viele Konzerte machten hörbar, wie facettenreich die Orgel erklingt, wenn ein Meister seines Fachs die Farben des Instruments auf wunderbare Weise zu mischen versteht.

Große Orgelmusik der deutschen und französischen Romantik sowie die fein ziselierten Werke der Barockmeister kann man auch auf der Symphonischen Orgel des Marburger Orgelbaumeisters Gerald Woehl in der von italienischer Architektur inspirierten Friedenskirche Sanssouci musizieren. Vor sechs Jahren wurde sie geweiht. Vor dem Neubau stand in der Friedenskirche ein Instrument aus dem Jahre 1848, das mehrmals grundlegende Umbauten erfuhr. Seit längerem war sie jedoch in eingeschränktem Maße spielbar. Eine neue Orgel war so unvermeidlich.

„Organisten, die während ihrer Konzertreisen immer wieder die verschiedenen Orgeln kennen lernen, sind von den Potsdamer Instrumenten begeistert. Und sie kommen gern wieder, um hier zu musizieren“, sagt Jacob. Dies hat sich in der Organistengilde herum gesprochen. Und so erreichen Jacob immer wieder Konzertanfragen von Kollegen. „Bei insgesamt 12 Veranstaltungen von Ende Juni bis Mitte September, sechs in der Friedenskirche und sechs in der Erlöserkirche, kann man aber nicht alle Wünsche erfüllen.“

Wenn am 16. September der letzte Ton verklungen sein wird, dann hat das 240. Konzert in der Geschichte des Orgelsommers stattgefunden. Für das Eröffnungskonzert in der Friedenskirche hat Matthias Jacob seinen italienischen Kollegen Claudio Brizi eingeladen. „Der in Perugia beheimatete Organist ist in Potsdam längst kein Unbekannter mehr. Seit 1998 war er mehrmals in dieser Kirche zu Gast, die ihn an Gotteshäuser seiner Heimat erinnert. In diesem Jahr bringt er Werke zu Gehör, die für die Singstimme, für das Klavier und das Orchester komponiert wurden und in der Friedenskirche als Orgelbearbeitungen unter anderen von Franz Liszt und Félix Alexandre Guilmant erklingen“, so Matthias Jacob.

Zwei weitere Künstler aus Italien, Enrico Viccardi und Antonio Caporaso, machen sich ebenfalls auf den Weg nach Potsdam. Die Konzerte mit ihnen werden in Zusammenarbeit mit der Brandenburgischen Gesellschaft der Freunde Italiens „Il Ponte“ beziehungsweise im Rahmen der Potsdamer Bachtage Anfang September veranstaltet. Daneben haben sich renommierte Organisten aus Österreich, Finnland, Russland, aus Köln, Görlitz oder aus Berlin für den Jubiläumsorgelsommer angekündigt.

Von besonderem Interesse wird sicherlich das Konzert des Ratzeburger Domorganisten Christian Skobowsky sein. Er ist gebürtiger Potsdamer und wuchs mit der Schuke-Orgel in der Erlöserkirche auf. Friedrich Meinel führte ihn als Erster in die Kunst des Orgelspiels ein. Nun wird Skobowsky am 11. August auf der Woehl-Orgel hörbar machen, dass er zu den Spitzenorganisten gehört. Und natürlich wird auch Matthias Jacob selbst ein Konzert auf „seiner“ Orgel bestreiten. In ihm erklingen Werke verschiedener Epochen, von Bach, Schumann, Reger und Messiaen. „Ich halte nicht viel von Stilprogrammen. Die Konzerte, die sich nicht an Fachleute wenden, sollten von der Vielfalt und dem Facettenreichtum der Orgelmusik verschiedener Jahrhunderte künden. Jeder Organist kann in unserem Festival das Werk spielen, bei dem er sich wohlfühlt und das zu seiner Programmdramaturgie passt“, sagt Matthias Jacob. Spannend sind jene Konzerte, in denen die ausländischen Künstler Orgelmusik aus ihren Ländern, oftmals auch neue, mit nach Potsdam bringen.

Die Entscheidung von Friedrich Meinel und Matthias Jacob vor 20 Jahren, einen internationalen Orgelsommer in Potsdam zu begründen, war einzigartig, denn er hat bisher weit mehr als 200 gewinnbringende Konzerte gebracht.

Das heutige Auftaktkonzert in der Friedenskirche Sanssouci mit dem Organisten Claudio Brizi beginnt um 19.30 Uhr. Weitere Informationen unter www.kulturfeste.de/feste/orgel.html

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