Festivalfilme : Globetrotter-Regisseure geben auf dieser Berlinale den Ton an

Reise, Aufbruch, Odyssee - Jan Schulz-Ojala sieht einen Trend zum internationalen Film beim Festival.

Jan Schulz-Ojala
Mammoth
Alles hängt mit allem zusammen. In Lukas Moodyssons Wettbewerbsbeitrag "Mammoth" geht es um philippinische Kinder, eine Familie in...Foto: Berlinale

Sie sind Reisende, die im Blick auf fremde Orte sich selber und ihre Arbeit neu sehen. Oder sie sind Prediger, denen die heimische Gemeinde schon lange nicht mehr genügt. Sie sind Söldner, routiniert unterwegs im Auftrag der Bildergeschichtenindustrie. Oder sie sind Nomaden, gefangen in einem Binnenkosmos, für den sie ruhelos Entsprechungen suchen, immer wieder anderswo. Zuhausesucher aber in größerem Maßstab, das sind sie alle.

Die neuen Globetrotter-Regisseure, die Travelling-Traveller, geben auf dieser Berlinale den Ton an. Lange genug hat sie auf ihrem riesigen Seelensatellitenschirm vor allem die Signale der Sesshaften gespeichert, die aus ihren Erdenwinkeln so unverwechselbar wie universell verständlich zu erzählen wussten. Das ist der Job des Festivals auch diesmal, gewiss, aber vor allem erzählt es von unterwegs wie nie. Unruhe ist sein Leitmotiv, Reisen quer durch die Kontinente, Aufbrüche, Ausbrüche, und mir nichts dir nichts verwandelt sich unser seltsamer Heimatplanet in eine einzige weltenwirre Stadt. Die Berlinale 2009 spielt Babel. Und Babel ist überall.

Was macht den Wettbewerb dieses Jahr am deutlichsten zum Globalisierungsgradmesser? Das Englische hat ihn erobert wie nie zuvor. In zwei von drei Filmen spricht man die globale Stammessprache, unabhängig von der geografischen Herkunft der Regisseure. Nur ein kleinerer Teil ist von Angelsachsen selber gedreht, der Rest stammt von Deutschen, Franzosen, Schweden – und sogar die großen alten Griechen Angelopoulos und Costa-Gavras schöpfen in ihren neuesten Odysseen aus dem globalen Dorfbrunnen. Pech für alle, die ihre Fantasien in kuriosen Regionalidiomen wie Persisch oder Deutsch, Polnisch oder auch Spanisch funken. Sie laufen abseits der allergrößten, oft auch britisch-amerikanisch starbesetzten Aufmerksamkeit: im Nachmittagsprogramm.

Ein Zeichen für Desinteresse an dem, was die zu Pixelkleinstaaten geschrumpften altmodischen Heimatländer zu melden haben? Keineswegs. Nur ein Symptom dafür, wo längst die Mitte des Kinos liegt. Es sind die geschmeidig Internationalen, die den Ton angeben, allen voran der Deutsche Tom Tykwer, der das Festival heute mit seinem Thriller „The International“ eröffnet. Schon der Titel preist ein Produkt für den Weltmarkt an, global aktuell, mit Weltstars und Schauplätzen rund um den Globus. Zugleich ist es eine Festival-Ouvertüre mit Kuschelfaktor: Die Uraufführung findet in der Home Zone des Berliner Regisseurs statt.

Überhaupt: Als sei ihm die universelle Glättung seines Films selber unheimlich, verweist Tykwer gern auf das vertraute Team, das ihn bei seinen zunehmend interkontinentalen Projekten begleitet; oder er rühmt die Berlinale als einen Ort, der das Gefühl des „Fremdgehens“ verhindere. Ohne Wurzeln geht es nicht, gerade wenn man so unterwegs ist wie er. Ohne Bodenhaftung kein Halt – gerade in Siebenmeilenstiefeln.

Auch Hans-Christian Schmid, der das Berlinale-Publikum vor drei Jahren mit „Requiem“ noch in eine entlegene Weltprovinz namens Schwaben entführte, wagt sich nun richtig ins Weite. „Storm“ ist sein erster englischsprachiger Film, und offen gesteht er, am Set mit seinen Englisch-Kenntnissen immer wieder an Grenzen gestoßen zu sein. So sympathisch tönt das Fremdeln der frisch Globalisierten. Dass sich das verliert, gehört zum Spiel.

„Storm“ umgibt schon vor der Premiere eine besondere Energie: vielleicht, weil Schmid, anders als Tykwer, die Story um eine Anklägerin am Haager UN-Tribunal, die einen Kriegsverbrecher zur Wahrheit zwingen will, selber entwickelt hat. In diesem sich zum angelsächsischen Weltmarkt und zugleich thematisch nach Osteuropa öffnenden Drama wittert der Zuschauer Identität, das Drama des Eigenen, ein Aufrüttelungsbedürfnis, das die Unterhaltungslust locker übertrifft. Zudem imponiert es, wenn eine an regionalen Stoffen geschulte filmkünstlerische Sensibilität sich im globalen Rahmen zu beweisen sucht – Absturzrisiko inklusive.

Ähnlich getrennte Wege wie ihre deutschen Kollegen gehen die beiden Franzosen im Wettbewerb, die ihre Schauplätze in den angelsächsischen Raum verlegen, sei es London oder Louisiana. Bertrand Tavernier, ein großer Eklektiker des Kinos, verfilmt mit „In the Electric Mist“ ein fremdes Drehbuch, das auf einem Südstaatenkrimi des Amerikaners James Lee Burke basiert. In Berlin wird, anders als später im US-Kino, Taverniers eigene Schnittfassung gezeigt. Ob sich darauf das erste freundlich ironische Raunen im Internet bezieht? „Leave the action films to others, chers amis français“, flüstert die ambivalente Propaganda. Nur: Action ist nicht überall auf der Welt das, was die Sheriffs im Global Office darunter verstehen.

Wie Hans-Christian Schmid sucht Rachid Bouchareb, auch er mit dem Impetus des Autorenfilmers, nach dem grenzüberschreitenden persönlichen Drama im Globalpolitischen. Seine Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Londoner Anschläge 2005 bringt die angstebesetzte Identität der globalisierten Welt auf die Leinwand: den Terrorismus, der jederzeit global wieder zuschlagen kann. Der Stoff hat das Zeug zur Größe – vorausgesetzt, die Geschichte um die Britin aus Guernsey und den muslimischen Franzosen im Spannungsfeld zwischen Schwarz und Weiß sowie Islam und Christentum ist nicht zu konsequent am Reißbrett entwickelt.

Ob eigenes Buch oder fremder Stoff: Der individuelle Blick auf das Fremde, in der man sich umgetan hat, bringt diese Filme in Bewegung. Sie greifen unsere wachsende biografische Mobilität und universelle Vernetztheit auf und verführen den Easyjet-Süchtigen wie den Internet-Junkie mit jenen Bildergeschichten, die die Wirklichkeit allein nicht produziert. Sie überhöhen, verdichten und festigen die globalisierte Identität, indem sie ihr Erfahrung hinzufügen – und sei es in der Erfahrung von Fiktion auch nur die Fiktion von Erfahrung. Gewiss schöpfen die weltenwandernden Regisseure und Produzenten, das ist zumindest ihre ökonomische Hoffnung, damit auch die Ressourcen eines entsprechenden größeren Marktes ab. Noch aber hat sich das kommerziell nicht verbraucht, noch trifft das auf eine Neugierde, die gerade ein Festival kreativ nutzen kann.

Vor drei Jahren machte der Mexikaner Alejandro González Iñárritu mit der US-Produktion „Babel“ Furore. Auf seiner flirrenden Reise von Marokko über Mexiko bis Japan vermittelte dieser Episodenfilm eine Ahnung davon, wie unsere Welt längst funktioniert, auch wenn das ihren Bewohnern erst langsam dämmert: Das Fremde löst sich auf, und wo das Fremde schwindet, geht auch die Heimat verloren – zumindest der vertraute Begriff davon. Schon wird Lukas Moodyssons „Mammoth“, der zwischen New York, Thailand und den Philippinen pendelt, mit „Babel“ verglichen, weil darin weltvernetzte Familienstrukturen implodieren. Auch der Schwede zeigt seinen ersten englischsprachigen Film im Wettbewerb – und vielleicht gelingt gerade ihm die poetische Summe aus dem Schmerz und der Schärfe, die die neuen Globalisierungsfilme vereint.

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