Kultur : Festposten

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Rüdiger Schaper zur Eröffnung

der Berliner Festwochen 2003

Was darf’s denn sein? Fest der Kontinente, AsienPazifik-Wochen, Internationales Literaturfestival, Festival Les Francofolies: Wohl nie zuvor war das Kulturangebot in Berlin so groß und vielfältig wie in diesem September, da auch die Theater, Opern und Orchester mit geballtem Programm in eine neue Saison gehen. Ein komisches Bild: Die staatlichen Einrichtungen klagen über Subventionsabbau – und der Veranstaltungskalender platzt aus allen Nähten. Für die Hochkonjunktur gibt es drei Gründe. Erstens nennt sich inzwischen jede halbwegs internationale Veranstaltung Festival, weil es einfach besser klingt. Zweitens hat ein heißer Konkurrenzkampf unter den kulturellen Institutionen eingesetzt, die Existenzsorgen sind ja begründet. Und drittens: Berlin ist die Hauptstadt geworden, in der sich ferne Länder gerne präsentieren, und was heißt schon noch fern? Das ist die Globalisierung des Kulturbetriebs – Botschaften und Sponsoren, ausländische Kulturinstitute und ihre deutschen Pendants laden ein und verschicken, was sich irgendwie zum Transfer eignet.

Und es gibt keine Stelle, die das koordiniert. Wozu auch? Das hauptstädtische Publikum erweist sich als dankbar und äußerst aufnahmefähig. Im Grunde eine alte Berliner Erfahrung: Wenn was los ist, gehen die Leute hin. Und wenn noch mehr los ist, geht man eben noch mehr. Wunderbar! Kulturkonsum scheint (noch) von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage unabhängig zu sein.

Oder doch nicht? Es sind die eingesessenen Institutionen, die unter der Flut der neuen Festivals und anderer exotischer Angebote leiden. Heute Abend werden die diesjährigen Berliner Festwochen eröffnet. Das Programm wirkt gegenüber dem problematischen Vorjahr komprimierter, und es gibt einen thematischen Schwerpunkt, der in Berlin von größtem Interesse sein muss: Russland. Die Frage, ob und in welcher Form Berlin eigentlich noch Festwochen haben soll, ist in letzter Zeit häufig gestellt worden, auch von Seiten des Bundes, der hier selbst der Träger ist. Keine leichte Aufgabe für Intendant Joachim Sartorius: Der Bund gab ihm ein großes Haus, die frühere Freie Volksbühne – mit einem Etat, der im internationalen Vergleich eher lächerlich wirkt. Aber: Die Berliner Festwochen brauchen jetzt den Erfolg, nicht nur um ihrer selbst willen. Und sie brauchen womöglich radikale Reformen, wenn sich herausstellen sollte, dass der Zeitraum September/Oktober schon besetzt ist von Wettbewerbern, die freilich ebenso schnell wieder verschwinden könnten, wie sie aufgetaucht sind. Das ist das Problem: Die Festwochen müssen eine feste Bank sein. Und dabei ungeheuer flexibel.

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