Festrede zum Tabori-Preis : Das Herz des Theaters

Am 31. Mai 2010 wurde im Berliner Ensemble zum ersten Mal der George-Tabori-Preis 2010 des Fonds Darstellende Künste vergeben. Die Festrede.

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BerlinEin graumähniger Herr betritt die Bühne und setzt sich in einen für ihn bereit gestellten Sessel direkt an die Rampe. Bei dem Wort Rampe zuckt man ein wenig zusammen, wenn man an die Familiengeschichte des Mannes dort im Sessel denkt. Es ist ein Sonntagmittag vor 15 Jahren, und eine „Rede über das eigene Land“ steht in den Münchner Kammerspielen auf dem Programm. Doch anders als alle illustren Vorgänger und Nachredner dieser Matinee-Reihe steht der Protagonist diesmal nicht am Pult oder liest etwas vor an einem Tisch. Der schöne ergraute Mann beginnt in seinem Sessel frei zu sprechen, frei zu erzählen. Dabei begrüßt er die sechshundert Zuschauer im vollbesetzten Theater gar nicht erst, sondern sagt, dass er viel mehr Fragen als Antworten habe, und dies beginne bei seiner freien Rede schon mit der Anrede: Wie könne er sagen „Meine Damen und Herren“? Warum denn „meine“, da keiner der Anwesenden ihm gehöre, und ob alle Frauen hier im Publikum überhaupt „Damen“ seien, das wisse er nicht, er kenne die meisten von ihnen so wenig wie die „Herren“. Und das Wort „Herr“ habe, genau genommen, einen Beiklang, der ihm nicht recht gefalle.  

So beginnen die Schwierigkeiten gleich am Anfang, zumal, wenn am Anfang das Wort war, schon vor dem Urknall. 

George Tabori, von dem ich hier – meine Damen und Herren, liebe Uschi Höpfner-Tabori, liebe Freunde und Freundinnen von George und liebe Preisträger –, George Tabori, von dem ich hier naturgemäß spreche, zweifelte immer am allzu Selbstgewissen. Der Zweifel gehörte für ihn wie bei allen größeren Geistern von Euripides bis Kopernikus und von Hegel und Einstein bis Woody Allen zum Urgrund des Daseins. Er ist – wir sind hier im einstigen Theater Bert Brechts – gleichsam der erste Verfremdungs-Effekt: ein Einspruch gegen die Übermacht einer scheinbar nicht zu verrückenden Realität, und ohne ihn, den kleinen Gott des Zweifels, gäbe es auch keinen Humor, keine Ironie, kein lachendes Infragestellen der Welt oder zumindest der eigenen Person. 

Der Zweifel, aber nicht die Verzweiflung. Allenfalls die verzweifelte Komik, in der Schmerz und Scherz sich schneiden wie die Klingen einer Schere, die morden kann, aber auch den heilenden Faden bemisst. Wenn man George Tabori nach seinem Beruf fragte, nannte er sich: „a Playmaker“. Und nachdem er, anders als sein Vater und einige seiner Verwandten, der Shoa entkommen war, wollte der ungläubig gläubige Freigeist einer lähmenden Todtraurigkeit nie zuviel Spielraum geben. Nicht im Leben und nicht in der Kunst. Dazu lachte, lebte und liebte der Spielmacher George Tabori zu gerne. 

Nur die Liebe war ihm, trotz aller Unruhestiftung, Eifersüchte und Verrücktheiten, über jeden Zweifel erhaben. Von der Liebe sprach Tabori, als er sich für den Büchner-Preis bedankte. Es war ja ohnehin ein überraschender Akt der Zuneigung und späten Liebe: dass der in der Dämmerung des Habsburger Reichs 1914 geborene ungarische Jude mit britischem Pass nach all seinen Fluchten und Wanderjahren von Budapest über Berlin nach London, Istanbul und den Nahen Osten, nach Hollywood und New York und zurück nach Europa, 1992 als erster englisch schreibender und amerikanisch-deutsch inszenierender Romancier, Dichter, Dramatiker und Regisseur diese höchste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur erhielt. Und dann sprach er über die Liebe. Über dieses manchmal peinliche, pathetische, im Englischen etwas grunzende – „love“ – und im Deutschen so silberhelle Wort: „Liebe“… 

Er hatte keine Land-Liebe, denn er hatte kein eigenes Land und wollte es nicht haben. Seine Heimat, sagte er immer, war das Bett und die Bühne, und außer einem Flügel zum Musizieren oder sich darin zu verstecken war ein Bett auch sein Lieblingsrequisit auf der Bühne. Die Liebe aber galt zuerst den Frauen, zuletzt ganz der eigenen Frau, sie galt zudem der Literatur und irgendwann auch dem Theater.  

Warum nach den Zeiten als Budapester Gymnasiast, als Hotelfachgehilfe 1932/33 in Berlin und später als Auslandskorrespondent der BBC und ungarisch-britischer Gelegenheitsgeheimagent während des Zweiten Weltkriegs (Deckname Captain Turner), warum nach den hoffnungsvollen Anfängen als Romanschriftsteller und Hollywood-Autor dann doch: das Theater?  

George Tabori hat es hin zu den Menschen und mit der Kunst zugleich ins Leben gezogen. So großartig er schrieb, bis zuletzt, so einsam ist der Akt des Schreibens, und die Erotik gilt da nur den Worten. Worte, nichts als Worte, heißt es im „Hamlet“. Eben gerade hat Peter Zadek, der andere jüdische, aus dem angelsächsischen Exil zurückgekehrte Emigrant, der dem Theater heute so fehlt, in seinen posthum erschienen Memoiren beschworen, dass wahre Regisseure die Schauspieler mit aller Besessenheit lieben: um deren Seele und die Essenz ihrer Rolle zu entdecken, auch zu entblößen. Doch obwohl das Theater noch immer im wesentlichen von Menschen erzählt und von dem zwischen Liebe und Hass, Krieg und Frieden Menschenmöglichen, lieben nicht alle Regisseure neben ihren Schauspielern auch die anderen Menschen. Sie sind schon in ihrer Theaterliebe oft ehrgeizige Tyrannen, kleine große Diktatoren, und hinter der auf der Bühne behaupteten Humanität lauert in den Kulissen mitunter schon der Verrat am Ideal. Gerade im Theater, das sich seit 2500 Jahren in der Ästhetik des Widerstands übt und zumindest im Spiel sich gegen und über das politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich Falsche erhebt, gerade in dieser zugleich beifallssüchtigen wie wahrheitssuchenden Kunst ist die Disproportion von Talent und Charakter eine ständige Gefährdung. 

George Tabori war da eine ungeheure Ausnahme. Seine Liebe zu Menschen hat auch die Dämonen seines Lebens in Schach gehalten. Mir ist im Welttheater in nunmehr vier Jahrzehnten kein anderer Künstler begegnet, der trotz seiner Umschwärmtheit so unegomanisch und offen für andere war, so großherzig und rückhaltlos freundschaftlich, so bar aller Taktiken, so bar des verbiesterten Ehrgeizes, des Erfolgs- und Leistungsdrucks. Schon in Hollywood, wohin er nach 1945 als ein in England erste Aufmerksamkeit erregender junger Romancier engagiert wurde, fühlte er sich, wie er später sagte, wie in einem großen Puff – „und ich war keine gute Hure“. Er mochte auf Dauer nicht seine Drehbücher dem Kommerz anpassen und sich auch von keinem Hitchcock, der Taboris „I confess“ verfilmte, am Ende melodramatisch entstellen lassen. Als er mit dem Segen Thomas Manns dessen „Zauberberg“ in einen Film verwandeln wollte, scheiterte Tabori schon mit dem Treatment: im gesundheitsapostolischen Amerika ein Film über lauter Lungenkranke, ob er denn wahnsinnig sei!  

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