Festspielhaus Baden-Baden : Minnedienst mit Fleischeslust

Sängerfest im Gegen-Bayreuth: Das Festspielhaus Baden-Baden präsentiert einen opulenten "Tannhäuser“.

Frederik Hanssen

Vor einigen Jahren hat der amerikanische Architekt Richard Meier in Baden-Baden ein Museum für die Sammlung von Frieder Burda gebaut. Eine perfekte Hülle für die Kunst, weil sich das Gebäude nicht in den Vordergrund drängt. So grandios der Bau konzipiert ist, mit seiner zu jeder Jahreszeit strahlenden, weißmetallischen Außenhaut, mit seinem virtuosen Spiel der geometrischen Formen im Innern, den immer wieder überraschenden Ein- und Ausblicken auf die verschiedenen Ausstellungsebenen – letztlich dient das ganze Haus allein dazu, Gemälde und Objekte in bestes Licht zu rücken, ihnen die volle Entfaltung ihrer Ausstrahlung zu ermöglich.

Genau nach diesem Prinzip funktioniert auch die Inszenierung von Richard Wagners „Tannhäuser“, deren Deutschland-Premiere das Festspielhaus Baden-Baden jetzt selbstbewusst am Tag des traditionellen Bayreuth-Beginns präsentierte. „Erlebnisräume“, in denen die Zuschauer ihre eigenen Assoziationen entwickeln, wünscht sich Intendant Andreas Mölich-Zebhauser für die Musiktheaterproduktionen in seinem Haus. Nicht die Stückdeutung soll im Mittelpunkt stehen, sondern der singende Mensch. „Tannhäuser“-Regisseur Nikolaus Lehnhoff beschränkt sich also darauf, wie ein guter Ausstellungs-Kurator einen Kontext zu schaffen, in dem die Darsteller als Unikate erlebbar werden wie im Museum die Kunstwerke.

Die Sänger stehen hier in Beziehung zueinander, sie interagieren, aber sie sind nicht Spielmaterial, wie derzeit so oft in der Oper, das sich der allmächtige Stückdeuter nach seinem Willen in den Proben zurechtknetet. In Baden-Baden, wo man auf die Klientel der reichen „Rhein-Schiene“ angewiesen ist, weil das Festspielhaus ohne staatliche Subventionen auskommt, wo sich die Sommerfestspiele in die Terminlücke zwischen den Society-Events des 32. Oldtimer-Meetings mit concours d’élégance und dem 150-jährigen Jubiläum der Iffezheimer Galopprennbahn schmiegen, ist das ein nachvollziehbarer Ansatz. Und zugleich eine Herausforderung, die bestmögliche Sängerbesetzung zusammenzubringen.

Bühnenbildner Raimund Bauer hat einen abstrakten Raum geschaffen für die Geschichte des mittelalterlichen Sängers Heinrich, der die „hohe Minne“ mit der Fleischeslust versöhnen möchte: Aus der Bühnenhöhe windet sich eine Treppe herab, in zwei kühnen Schwüngen. Lightdesigner Duane Schuler leuchtet diese architektonische Skulptur so geschickt aus, dass sie im ersten Akt aus Sichtbeton geformt erscheint, im zweiten dann wie holzgetäfelt wirkt.

Waltraud Meier thront als Venus über dem eröffnenden Bacchanal, das Amir Hosseinpour und Jonathan Lunn faszinierend-verwirrend als Ballett einbalsamierter Maschinenmenschen choreografiert haben. In ihrer malerisch drapierten Robe, mit feuerroter Turmfrisur, wirkt sie wie die Statue einer elisabethanischen Königin (die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer sind wie immer stilistisch erschreckend willkürlich gemacht – und aus allerteuersten Stoffen). Diese Liebesgöttin braucht keine Verführungsgesten, Meiers Zauberkraft resultiert aus der vokalen Intensität der reifen, wissenden Frau. Camilla Nylunds Elisabeth dagegen ist stimmlich ganz Unschuld, mädchenhaft im Wiedersehensjubel, bewegend dann in ihrem Schmerz, wenn sie im ideologischen Gemetzel des Sängerkriegs um Gnade für ihren Tannhäuser fleht.

Roman Trekel singt den hoffnungslos liebenden Wolfram von Eschenbach so, wie man es seit langem vom Ensemblemitglied der Berliner Staatsoper kennt. Er wägt die Worte, wählt die atmosphärischen Schattierungen, als rezitiere er ein Gedicht. Und Robert Gambill, der Tannhäuser? Er kann die mörderische Partie nicht mehr singen, sein chronisch überstrapazierter Tenor hat inzwischen alle Farben verloren.

Er stößt die Töne nurmehr aus, gellend, grau – und liefert doch ein packendes Rollenportrait, weil er als Verzweifelter, gegen sich und die Welt rebellierender Götz-George-Typ glaubwürdig ist. Am Ende ungeteilte Zustimmung auch für Philippe Jordan, den mitfühlend begleitenden Dirigenten, und das „Tannhäuser“-Debüt des mit Entdeckerfreude musizierenden Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin.

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