Kultur : Festspielsommer: Die Kunst, die uns teuer ist (Leitartikel)

Christine Lemke-Matwey

Jetzt spielen sie wieder. Zwischen Aix und Edinburgh, zwischen Bayreuth, Bregenz, Wildbad Kreuth und Gstaad -werden bunte Fahnen gehisst, Champagnerkübel geschwenkt und letzte Stäubchen von den Dinnerjacketts geschnippt. Sommerzeit ist Festspielzeit. Vergessen die schlimme Not der Musen zu Hause im fernen Castrop-Rauxel, Bischofswerder oder Berlin - und alles kulturpolitische Getöse am besten gleich mit vom Tisch gewischt. Wenn Salzburg mit "Hamlet" aufwartet oder Placido Domingo auf dem Grünen Hügel von Bayreuth seinen ersten Siegmund singt, dann stellen sich viele Fragen nicht. Dann scheint die Kunst bis auf weiteres von aller Not befreit. Erlaubt ist, was gefällt - und was bezahlt wird. So gilt die alte Regel von Goethes Tasso. Noch.

Zu Beginn der 90er Jahre enterten zwei Begriffe das mitteleuropäische Bewusstsein: die "Festivalitis" und die "Event-Kultur". Ersteres meinte, dass des Sommers bald hinter jedem verfallenen Burggemäuer ein mehr oder weniger renommiertes Streichquartett Quartier bezog; der zweite Begriff aber zielte darauf ab, dass prächtige Tenöre nicht nur in Opernhäusern, sondern auch in Fußballstadien auftreten. Beide Begriffe wurden als Symptome einer bildungsbürgerlichen Sinnkrise verstanden. Wo der Alltag der Kunst nichts mehr gilt, so die Diagnostiker, wo staatliche Geldquellen versiegen und die Theater sich leeren, da müssen andere, vermeintlich lebensnähere und kunstfernere Strategien ersonnen werden, um zu interessieren.

Dies ist jetzt zehn Jahre her. Inzwischen hat sich die Festivalitis gesund geschrumpft, die Event-Kultur wirkt, spätestens nach 21 Stunden "Faust", fast ausgereizt. Kleinere Festivals klagen jedenfalls schon über biologischen Zuschauerschwund, und junges Publikum, das seine Bedürfnisse nach Zerstreuung und Bildung übers Jahr gleichsam kunstlos befriedigt, ist selbst nach Bayreuth oder Salzburg nicht so leicht zu locken. Oder doch?

Die Zahlen sprechen eine zwiespältige Sprache. In Salzburg etwa sind in diesem Jahr für fast jede Festspiel-Premiere noch Karten zu haben: die Quittung für Haider, die Quittung für ein allzu elfenbeinern anmutendes Motto ("Troja und die Liebe")? Ganz anders Bayreuth: Wenn sich heute zum Auftakt der 89. Richard-Wagner-Festspiele über "Parzifal" der Vorhang hebt (in der elf Jahre alten, mottenkugeligen Inszenierung des Hausherrn Wolfgang Wagner), dann stehen den 56 000 vorhandenen Plätzen wieder einmal 518 000 Kartenwünsche gegenüber. Das heißt: Jedes Billet hätte fast neuneinhalbmal verkauft werden können. Die Querelen um die Nachfolge des 81-jährigen Hügelchefs, die im Frühjahr entbrannten und im Herbst letztgültig geschlichtet werden sollen, sie haben die weltweite Neugier auf den Mythos Bayreuth nur angestachelt.

Derweil zieht die Familienfehde neue Kreise: Eva Wagner-Pasquier, Tochter Wolfgangs aus erster Ehe und bislang die geheime Favoritin für den Chefinnen-Sessel, würde, so heißt es, von keinem der vier Wagner-Stämme mehr unterstützt, und überhaupt stünde der alte Herr mit Alberto Vilar auf vertrautem Fuße - jenem amerikanischen Multi-Milliardär, der, legte man es ihm nur gebührend nahe, im Handstreich auch die Berliner Opernhäuser "retten" könnte. Erstmals nämlich wurden in diesem Jahr die Bundeszuschüsse für Bayreuth in Höhe von 3,2 Millionen Mark nicht erhöht. Und noch nie gab sich die Politprominenz so spärlich die Ehre; der Bundeskulturbeauftragte Michael Naumann fehlt zur Eröffnung, und auch vom Kanzler ist nicht die Rede. Nur Herta Däubler-Gmelin (SPD) macht sich auf - um vor Ort auf die Wagnerianerin Angela Merkel (CDU) und die geschlossene Bayerische Staatsregierung (CSU) zu stoßen.

Im Angesicht der Hochkultur sind das Äußerlichkeiten. Dass die Kunst jedoch weder das erste noch das letzte Argument für Festspiele ist, haben wir vom "Jedermann"-Dichter Hugo von Hofmannsthal gelernt. Denn ohne äußere Unterstützung, ohne Geld und Gesellschaft kommt auch die große, ereignishafte Kunst auf Festspielen nicht zustande. Auf der Suche nach neuem, künftigem Publikum will man beides sein: elitär und populär, ein notwendiger Luxus. Das ist das Paradoxe bei der uns teuren Kunst - nicht nur zur Festspielzeit.

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