Kultur : Festspielwiese (4)

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Christine LemkeMatwey deckt

in Salzburg schon mal den Tisch

Nach Salzburg fährt man, um glücklich zu sein, hat ein berühmter Kollege einmal geschrieben. Und abgesehen davon, dass man ihn um den Glanz dieses Satzes sofort beneidet, spricht er natürlich die Wahrheit, der Herr Kollege. Und was das Schönste ist: Sein und mein Salzburger Glück kennt keinen Vorsatz. Wir sagen nicht, jetzt setzen wir uns an die Salzach ins Café Bazar und essen ein Tomatenomelette und sind glücklich, oder jetzt legen wir uns im Mirabell-Park auf eine schattige Bank, lauschen dem leisen Gerumpel des Marionettentheaters und sind glücklich, oder jetzt halten wir ein Minütchen auf dem Makart-Steg inne und schauen dem mitternächtlichen Mond zu, der wie ein Eidotter über der kalkweißen Burg hängt, und gleich sind wir glücklich. Nein. Wer es zwingt, das Glück, dem rinnt es durch die Finger. In Salzburg viel rascher noch als anderswo. Und unwiederbringlich.

Als ich das erste Mal zur Festspielzeit nach Salzburg kam, war ich dermaßen glücklich, dass ich mich an rein gar nichts mehr erinnern kann. Zumindest an nichts Künstlerisches. Immerhin, frühe Achtzigerjahre, hohe Karajan- Zeit und irgendetwas Unverwüstliches mit Christa Ludwig oder Hermann Prey wird es wohl gegeben haben. Meine jugendliche Aufmerksamkeit aber galt – einem Geschirr. Genauer: dem Hotelservice des „Goldenen Hirschen“ (wir wohnten damals im „Goldenen Hirschen“, geringfügig älterer Mann, junges Mädel, man kennt das, schön war’s). Wie kommt eine knapp Zwanzigjährige dazu, mögen Sie sich jetzt fragen, für ein alpenländisches Service zu schwärmen, dessen Tellerränder sich unter springenden güldenen Hirschlein biegen?

Falsch, ganz falsch, liebe Leser, die Hirsche sind grün, smaragdgrün und unergründlich und überhaupt nicht spießig. Fand ich. Irgendwie haben sie in mir damals eine irre Sehnsucht nach Heim und Herd entfacht, schon sah ich mich im Kreise einer riesigen glücklichen Familie unter alten Bäumen sitzen und auf hirschgrünen Tellern köstliche Mahlzeiten anrichten. . . Meinen Gefährten jedenfalls peinigte ich so lange, bis er sich in das ziemlich lose Versprechen flüchtete, zur Hochzeit, ja, da würde ich das Geschirr kriegen. Versprochen. 48- oder 72-teilig oder irgendeine andere Fabelzahl. Doch aus der Hochzeit wurde nichts, was letztlich, äh, andere Gründe hatte, und heute können mir alle grünen oder güldenen Porzellanzwölfender leichten Sinns gestohlen bleiben.

Das Salzburger Glück aber, dieses Gefühl, eine festliche Ordnung ins eigene Leben zu bringen (oder wenigstens davon zu träumen), einen Schatz zu hüten, ein Geheimnis, an das man nur nicht zu stark rühren darf – dieses Gefühl befällt mich immer wieder. Beim ersten Biss in ein Tomatenomelette im Café Bazar. Auf einer Bank im Mirabell-Park. Oder auf dem Makart-Steg um Mitternacht, wenn der Mond mal wieder wie ein Eidotter über der kalkweißen Burg hängt.

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