Kultur : Festspielwiese (6)

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Bernhard Schulz über Tanglewood

und die Freuden des Gelingens

Harte Stühle, besetzte Plätze, bösartige Mücken – was mussten die Kollegen nicht alles bei ihren professionellen Festspielbesuchen erdulden! Gehabte Schmerzen, die hab ich gern, sagt der Volksmund, und der Leser dieser sommerlichen Serie konnte dessen Weisheit Mal um Mal nachvollziehen.

Was aber, wenn man kein Berufsfestivalgänger ist und einfach nur ein gelungenes Sommerkulturerlebnis erhofft? Und andererseits doch des Kleingelds ermangelt, um beispielsweise per Helikopter auf Festspielwiesen einzuschweben, wo der Champagner und das Pausenpicknick warten?

Dann sei man ein Bostoner. Oder ein New Yorker. Bewohner beider Städte, gemeinhin einander nicht grün, haben es ungefähr gleich weit in die Berkshires, einen sanft gewellten Hügelzug im Westen des Bundesstaates Massachusetts, in dessen Osten das hochnäsiggebildete Boston, nicht allzu weit von dessen Südgrenze hingegen das quirlig-vorlaute New York liegen. Inmitten der grünen Hügel findet man Tanglewood. Ist das überhaupt ein Ort? Es ist jedenfalls ein Begriff, und zwar seit Jahrzehnten: nämlich der des summer home, des Sommerquartiers der Bostoner Symphoniker. Erst gab es eine gigantische Konzertmuschel, später kam eine freundliche Konzertscheune hinzu. Ringsum erstrecken sich sanft geschwungene Hügel. Üppiges Grün, üppiger Wald, vor aller Kunst die Fülle der Natur.

Und mittendrin das Tanglewood Music Festival hinter dessen amerikanisch-freundlicher Zwanglosigkeit sich höchste Professionalität verbirgt. Das beginnt schon beim Parkplatz – denn wie anders als mit dem Auto sollte man das Konzertgelände erreichen –, das setzt sich fort im freundlich-fähigen Kartenbüro, und das erreicht noch längst nicht seinen Höhepunkt bei den fein abgestuften Verpflegungsmöglichkeiten bis hin zum Tanglewood Wine & Food Classic. Oder beim Shop mit all den merchandising goods bis hin zu base caps. Jawohl, base caps! Die Boston Symphonics wissen, dass die Freunde klassischer Musik im Alltag durchaus auch anderen Hobbys frönen. Überhaupt Geschäftstüchtigkeit: Als ich erstmals die Symphoniker unter einem damals noch jugendlich-wilden Seiji Ozawa erlebte, im Bostoner Konzertsaal und nicht vor 10000 Klassik-Fans auf grüner Wiese, wurde vor dem Konzert ein Scheck überreicht – vom Sponsor höchstpersönlich, auf offener Bühne. Ozawa und das Orchester bedankten sich mit einem schmissigen Tusch. Das war vor knapp einem Vierteljahrhundert eine erste, eindrucksvolle Begegnung mit der amerikanischen Art der Kulturfinanzierung.

Noch eindrucksvoller in dieser Hinsicht ist Tanglewood. Früher mussten Orchestermusiker im Sommer zusehen, wie sie über die Runden kamen; daraus womöglich entstand die Idee eines gemeinsamen Sommercamps in der Ruhe der Natur. Und warum nicht gleich die erholungssuchenden Städter daran teilnehmen – und dafür bezahlen lassen? Längst ist das Festival eine Maschinerie eigener Art geworden; selbst Auftragswerke werden aufgeführt. Der Betrieb funktioniert reibungslos – ohne dass er die schöne Illusion eines Ferienkonzerts unter Freunden stört. Hinterher sucht man unter Tausenden sein Auto, wird von freundlichen Polizisten auf die country road geleitet und entschwindet in die sternenhelle Nacht. Ein Festival schieren Gelingens, that’s what it is.

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