Kultur : Fetisch der Oper

Berlin kann geholfen werden – aber wie?

Rüdiger Schaper

Sie ist ein wunderbares Symbol für diese Hauptstadt. Zugleich machtvoll und marode. Im Moment stellt sie sogar Palastruine und Schlossplatz samt dem geplanten Humboldt-Forum in den Schatten. An der Oper hängt, zur Oper drängt ... Und gäbe es am Platze nicht schon ein Haus dieses Namens, müsste man sagen: Da haben wir eine ganz schön komische Opern-Debatte.

Die Staatsoper und der Bund: Wer die Idee aufgebracht hat, lässt sich heute nicht mehr sagen. Irgendwie sind – oder waren, wie anno 2003 Angela Merkel – alle dafür, und dann auch wieder dagegen. Der Bund und das Berliner Opernhaus Unter den Linden: Eine liaison dangereuse wäre es nicht, denn das setzte eine gewisse Leidenschaft voraus, auf beiden Seiten. Eine Vernunft- oder Zwangsehe am Ende, das schon eher.

Wenn man es wirklich will, kann man die Verbindung, wie es Christoph Stölzl vor Zeiten versucht hat, historisch begründen. Aus dem Erbe Preußens, wie bei der Museumsinsel. Und damit würde sich der Bund auch in eine DDR-Tradition stellen, warum nicht. Gleich nach der Wende wurde, noch von Bonn aus, das Zeughaus von der Kohl-Regierung im Handstreich übernommen und zum Deutschen Historischen Museum ausgebaut. Viel später kam die Berlin-Brandenburgische Akademie der Künste in Bundesobhut; wenngleich es nicht zwingend war. Auch das Jüdische Museum, das Haus der Kulturen der Welt und die Berliner Festspiele gingen hauptsächlich deswegen auf den Bund über, weil das Land Berlin entlastet werden und in die Lage versetzt werden sollte, seine drei Opern zu erhalten. Das war einmal. Jetzt haben wir, auf wesentlich höherem Niveau, einen Zustand erreicht wie vor all diesen Transaktionen.

Für eine Übergabe, oder Übernahme, der Staatsoper spricht dreierlei: ihre schiere Größe und die damit verbundenen Kosten, das etwas wackelige historische Argument und vor allem ihre repräsentative Lage und Ausstrahlung. Gleiches aber könnte zum Beispiel auch für das Deutsche Theater gelten. Es ist in Berlin das Haus, das die Klassiker pflegt und auf eine lange, ruhmreiche Geschichte zurückblickt; und das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt ist nun mal als solches lange perdu.

Doch so richtig will das nicht in den Kopf. Der Bund soll, ob Oper oder Schauspiel, ein Haus übernehmen – mit Repertoire, Ensemble, großem künstlerischen Leitungsstab? Bühnen sind keine Museen. Oder wenn doch, wie einst im Fall der Staatlichen Schauspielbühnen Berlins (Schiller-Theater), droht Schließung. Bühnen sind eigentlich das Gegenteil von Sammlungen und Vitrinen: Große lebendige Organismen, sie stellen keine materiellen Werte dar, Sänger, Orchester, Schauspieler, Regisseure verbrauchen Kapital gleichsam vor den Augen des Publikums, Abend für Abend. Berlin besitzt viele solcher kostspieligen, kostbaren Orte, und das wiederum ist sein einzigartiger Reichtum.

Dass der Bund nun die unmittelbare Trägerschaft für eine Bühne an sich zieht, wie in Paris, erscheint ebenso opportun wie problematisch; die Bundesrepublik ist kein Zentralstaat. Interessant klingt dagegen die Idee, die Elmar Weingarten, Kurator des Hauptstadtkulturfonds, kürzlich in dieser Zeitung formuliert hat. Er schlägt vor, dass der Bund sich an der Berliner Opernstiftung beteiligt. Dann käme das Geld der gesamten Opernszene zugute, und die Stiftung hätte eine echte Überlebenschance.

Der Ton verschärft sich. Als „dreist“ und „hemdsärmelig“ hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Forderungen des Regierenden Kulturmeisters apostrophiert. Aber Klaus Wowereit weiß, warum er die Staatsopern-Frage jetzt auf die Spitze treibt. Die Hauptstadtfinanzierung muss ohnehin in einigen Bereichen neu ausgehandelt werden, das folgt aus der neuen Hauptstadtklausel im Grundgesetz. Und mit einer Staatsoper lässt sich mehr Staat machen als mit den Sophiensälen. Das aber wäre einmal ein neuer Gedanke: Der Bund könnte, wenn er schon sein Engagement in Berlin ausbaut, die freien Mittel für Hauptstadtkulturfonds und Bundeskulturstiftung substanziell erhöhen. Denn diese fördern Projekte, die häufig international angelegt sind und deretwegen Künstler aus aller Welt (und allen Bundesländern) nach Berlin kommen.

Ähnlich ist es beim Humboldt-Forum, vulgo Stadtschloss. Die Idee eines Berliner Centre Pompidou, eines Kunst- und Bildungszentrums mit globaler Ausrichtung existiert zwar auf dem Papier. Aber weder Wowereit noch Neumann, und auch die Bundeskanzlerin nicht, haben sich diesen fantastischen Plan wirklich zu eigen gemacht und dafür geworben. Man hört darüber nichts, während sich der Palastabriss verzögert. An dieser Stelle ist lupenreines Bundes-Land, wie auf der Museumsinsel gegenüber. Hier muss der Bund mit hundert Prozent vorangehen.

Die Fixierung auf die Staatsoper wirkt wie ein Fetisch. Oper, das ist das Irrationale, das „Kraftwerk der Gefühle“, wie Alexander Kluge sagt. Und daraus holt sich Berlin jetzt neue Hauptstadtenergie, wie auch immer.

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