Kultur : Fettwanst auf Freiersfüßen - Nicht mehr als eine Fußnote zum Mahler-Projekt

Jörg Königsdorf

An seinem Urteil über die "Drei Pintos" ließ Hans von Bülow keinen Zweifel: Einen "infamen, antiquierten Schmarrn" nannte er Gustaf Mahlers Versuch, die von Carl Maria von Weber nur fragmentarisch hinterlassene Spieloper zu Ende zu komponieren. Hatte er Recht? Fast scheint es so, denn beim konzertanten Wiederbelebungsversuch in der Philharmonie im Rahmen der Festwochen kann Marek Janowski nur punktuelles Interesse für die Rarität wecken. Vor allem die gnadenlos klischeetriefenden Texte und die chaotische Handlung werden dem Werk wohl ein ewiges Außenseiterdasein bescheren: da mischt sich ein Mantel-und-Degen-Spanien ß la Calderòn mit deutscher Spielopern-Gemütlichkeit, singen und trinken die jungen Studenten, schmachtet bang ein schönes Mädchen, und wird ein falstaffartiger Fettwanst auf Freiersfüßen am Ende düpiert. Wie das genau zugeht, wird trotz Klaus Geitels dezent lustiger Conference leider nicht so recht klar - und interessiert wohl auch kaum jemanden. Denn auch die Musik kann die "Pintos" nicht retten - zumal wenn sie so uninspiriert und schlampig heruntergespielt wird wie vom Deutschen Symphonie-Orchester. Von Weber selbst stammen nur skizzen zu einem Drittel der Musiknummern, die selbst in ihren besten Momenten wie der großen Sopranarie im zweiten Akt nur das Aroma eines zum dritten Mal aufgegossenen Freischütz-Teebeutels besitzen - allein einige anmutige Chorsätze möchte man wieder hören. Der Großteil der "Pinto"-Musik ist ohnehin Mahler im Geiste Webers und verrät, wie sich der 26 jährige Kapellmeister bei seinen Routinedirigaten Deutscher Spielopern gelangweilt haben mag. Allein aus dem schwebenden Traum-Intermezzo vor dem zweiten Akt allein lässt sich der Mahler-Ton im Embryonalstadium heraushören, der Rest klingt bestenfalls wie orchestral aufgemotzter Lortzing. Nicht mehr als eine Fußnote zum Mahler-Projekt der Festwochen - daran können auch die ordentlichen Solisten und der vortreffliche Rundfunkchor nichts ändern.

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