Kultur : Feuchte Räume

Castorfs „Forever Young“: Tennessee Williams in einer glänzenden Cover-Version an der Berliner Volksbühne

Rüdiger Schaper

Wann hat die Berliner Theatersaison begonnen? Oft schon im Juni – in Wien. Seit einigen Jahren ist es schöne Sitte, dass die Volksbühne bei den ziemlich reichen Festwochen der österreichischen Hauptstadt (siehe Tsp. vom 17. Juni) eine neue Castorf-Inszenierung herausbringt, die Ende Oktober, wenn es Winter wird, ihre Berliner Premiere feiert. Und das ist dann manchmal auch schon der vorauseilende Höhepunkt der Spielzeit, weil viel Aufregendes nicht mehr kommt. Auch an der Volksbühne nicht.

„Forever Young“ (gar nicht so sehr frei nach Tennessee Williams’ Südstaaten-Schauspieler-Melodram „Süßer Vogel Jugend“) präsentiert sich nun aber auch als der beste Castorf seit langem. Sagen wir mal so: Die Aufführung ist verdammt entspannt und nicht anders als souverän zu nennen. Der Vorwurf, Castorfs Volksbühne kreise auch nur noch um sich selbst, verkehrt sich hier in: Faszination. Denn worum soll ein Theater, das an der Präzisierung seiner Mittel und der – wie es der Surrealist Walter Serner formuliert hat – „letzten Lockerung“ seiner Protagonisten arbeitet, sonst kreisen?

Die Bühne: Bert Neumann, der Container-Architekt, schafft ein subtropisches Ambiente, mit offenem Bambusstangen-Bungalow, Bar und Pool unter einem Kunststoff-Zelt, wo es ohne Vorwarnung gelegentlich heftig schüttet. Das Video: gibt es bei Castorf zwar schon ewig. Doch „Forever Young“ macht die Kamera nun zum vollgültigen Mitspieler. Jan Speckenbach und seine Leute sind ständig an den Schauspielern dran, verfolgen sie wie Moskitos und schicken Close-ups auf die Leinwand. In der gnadenlosen Intimität der Videobilder bekommen Martin Wuttke & Co. das Zweite Gesicht.

Egal, wie wild Castorf mit Tennessee Williams umspringt – „Sweet Bird Of Youth“ ist das Drama einer alternden Filmdiva und ihres jungen Liebhabers, der von einer Karriere in Hollywood träumt. Durch das omnipräsente Video, das in älteren Castorf-Inszenierungen durchaus etwas Manieriertes hat, bleibt das Filmthema stets im Bewusstsein. Das andere Medium erklärt sich also bei Bedarf sogar dramaturgisch. Ironie am Rande: Das Werk von Tennessee Williams, des großen amerikanischen Dramatikers der vierziger und fünfziger Jahre, hat nur dank der Hollywood-Verfilmungen überlebt. Peter Zadeks rührend traditioneller Versuch mit der „Nacht des Leguan“ ging vor Jahresfrist am Wiener Akademietheater gehörig schief.

Die Volksbühne beutet – unter dem schönen Bob-Dylan-Titel – das überkommene Stück als das aus, was es immer war: eine Reflexion über Schauspielkunst, Jugendkult und Sex. Natürlich ist Kathrin Angerer ein bisschen jung für die Rolle der Alexandra Del Lago und ihr „Sunset Boulevard“-Schicksal. Aber das darf sein. Weil sie vielleicht nie so klar und bitter und erwachsen gespielt hat wie in „Forever Young“, trotz aller Quietschigkeit. Umgekehrt erscheint Martin Wuttke, der tolpatschige Frauenversteher Chance Wayne, als zu alt. Dafür trägt er die alberne blonde Popstar-Perücke wie eine Tarnkappe. Hier altern, leiden, blödeln, streiten, saufen, plantschen, vögeln ja auch nicht irgendwelche Kunstfiguren, sondern die Mitglieder der Volksbühnen-Family. Zu der nun auch Volker Spengler gehört, der zarte Wüstling. Ihm erlaubt Castorf einen gewissen Naturalismus; bei der Stimme! Und die Volksbühnen-Jugend – Milan Peschel, Fabian Hinrichs, Laura Tonke – muffelt und kränkelt sich wunderbar frei. Der Volksbühnen-Humor hatte immer schon etwas Hypochondrisch-Misanthropisches (Dramaturg Carl Hegemann, wie wär’s denn mal mit Molière, nach all den Russen und Amerikanern?)

Das Geheimnis dieses Theaters liegt im Rhythmus. Einmalig, wie Castorf Schauspielerei und elektronische Bilder, Musik und Mätzchen mischt. Gut gelaunt schaut man zu, wie die Zeit vergeht. Wie das Leben. Man weiß nicht: Ist es Kampf oder Erholung?

Wieder am 2., 4. und 7. November.

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