Kultur : Feuer und Erde

Universum der Kreaturen: zum Tod des slowenischen Dichters Dane Zajc

Gregor Dotzauer

Er war der Fixstern der slowenischen Nachkriegslyrik – wenn das für die lichtlose Welt, die er entfaltet, nicht eine fragwürdige Metapher wäre. „Jeder hat seine Schlange und seinen Stern“, schreibt Dane Zajc (gesprochen: Seitz) in seinem Gedicht „Die Schlangentöter“. „Doch die Sterne durchbohren nur manchmal mit unsichtbarem Strahl /ein Blatt im Dickicht unserer Augenblicke.“ Er war derjenige, der Tomaw Falamun, den anderen zeitgenössischen slowenischen Dichter von Weltrang, dazu brachte, ein Leben als Schriftsteller zu führen. Und er war ein großväterlicher Dichtervater für den heute 32-jährigen Alef Fteger, der in der 2003 bei Klett-Cotta erschienenen Zajc-Auswahl „Hinter den Übergängen“ ein sehr persönliches Nachwort schrieb.

Dabei war Zajc – außer um den Preis des Epigonentums – weder imitierbar noch imitierte er selbst einfach andere große Dichter. Unter den Slowenen beeinflusste ihn vor allem der mit 24 Jahren gestorbene Konstruktivist und Avantgardist Sremko Kosovel, der auch für die deutschen Expressionisten um Herwarth Waldens Zeitschrift „Der Sturm“ eine Leitfigur war. Er bewunderte Edgar Allan Poe und den Russen Sergej Jessenin, doch letztlich hatte er eine Stimme, die ganz den Gesetzen seines eigenen Universums gehorchte.

Tiere gehörten von Anfang an zum mythologisch aufgeladenem Inventar seiner fast menschenleeren Dichtung: Die Schöpfung will bei Zajc von ihren angeblichen Herrn nichts wissen. Es finden sich Nager, Skorpione, Böcke, Weberknechte, Wiesel, Leoparden, Hyänen, Lamas, Bären, Schafe, Wölfe und Vögel aller Art – insbesondere Raben, Habichte und Tauben. Auch der Widerschein eines großen Feuers lag immer über seinen Gedichten. Zusammen mit der Asche, die es hinterlässt, wurde es für ihn zu einem zentralen Bild – nicht von ungefähr.

1929 in Zgornja Javorscica, einem Dorf östlich von Ljubljana geboren, wuchs er als viertes von sechs Kindern auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. 1944 fielen zwei seiner Brüder bei den Partisanen. Im gleichen Jahr starben sein Vater und sein Großvater, und die Nazis steckten den Hof der Familie in Brand. Das Unglück, das die Geschichte über ihn brachte, war damit nicht beendet. Zajc flog vom Gymnasium in Ljubljana, nachdem er sich einige politisch anstößige Worte geleistet hatte und kam drei Monate in Einzelhaft. Das kostete ihn auch die Chance zum Studium. Seinen Lebensunterhalt verdiente er bis zur Pensionierung als Jugendbibliothekar.

Das mit der unverwechselbaren Stimme muss man wörtlich nehmen, und die dem Klett-Cotta-Band beigegebene CD macht es leicht, ihren Zauber zu entdecken – auch wenn man nie Gelegenheit hatte, Dane Zajc bei einem seiner umjubelten Berliner Auftritte zusammen mit dem Akkordeonspieler Janez Fkof zu erleben: Zuletzt konnte man ihn bei der „Weltklang“-Nacht der Poesie auf dem Potsdamer Platz im letzten Jahr erleben. Natürlich muss man seine Texte auch lesen, um sie zu erschließen. Doch erst, wenn er sie rezitierte, erwachten sie zum Leben. Schon wie die beiden aus dem Hintergrund einzogen: ein feierlich Fuß vor Fuß setzendes Paar auf dem Weg zu einem lyrischen Hochamt. Und erst wenn sie anfingen, Silben und Töne aus ihrer Obhut zu entlassen: Fkof lässig und tänzerisch, ein Temperamentsbolzen mit Schlapphut, Zajc ein Mantramurmler mit geschlossenen Augen, der eine sprachliche Innigkeit erreichen wollte, die im Alltag verloren gegangen war. Seine wortwiederholungssüchtigen Texte näherten sich dadurch Gebeten, Litaneien oder „Beschwörungen“, wie einer seiner sieben Gedichtbände heißt.

Die Öffnung hin zur amerikanischen Lyrik, wie sie Tomaw Falamun durch seine Freundschaften mit Charles Simic und John Ashbery vollzog, blieb Zajc fremd. Er betrieb ein so modernes wie mit archaischen Bildern arbeitendes Nachdenken über die Geworfenheit des Menschen, dramatisiert durch die Schrecknisse des 20. Jahrhunderts. 1958 veröffentlichte er im Selbstverlag sein lyrisches Debüt „Versengte Erde“. Bald schrieb er auch Dramen, mit denen er ein rituelles Theater begründet, angefangen mit „Die Kinder des Flusses“ (1962) bis zum „Scheiterhaufen“ (1993) – stets hochartifizielle Texte, die auch Gedichte enthalten. Außerdem publizierte er Lyriksammlungen für Kinder, gab Märchen heraus und verfasste Puppenspiele.

Die Slowenen, ein Volk von zwei Millionen Menschen, erreichen nicht einmal die Einwohnerzahl von Berlin. Aber sie dürften trotzdem mehr Lyriker haben als die deutsche Literaturhauptstadt. Fast zehn Prozent der jährlichen Neuerscheinungen gelten der Dichtung.

Zu den Besonderheiten des Slowenischen, einer slawischen Sprache mit romanischen Lehnwörtern (und der Encyclopaedia Britannica zufolge 47 Dialekten), gehört der Dual: eine Konjugationsform, die neben dem Singular-Ich und dem Plural-Wir etwas Drittes kennt: das Wir eines Paares. Dieses Wir von zweien ist etwas anderes als das einer größeren Gruppe oder einer Menschenmenge. Boris A. Novak hat daraus gefolgert, dass das Slowenische vor allem für Liebeslyrik geeignet sei. Dane Zajc jedoch nutzte den Dual, um unheimliche Zweierverstrickungen darzustellen.

Leben war für Zajc immer ein Sein zum Tode, und zwischenzeitlich, davon zeugt ein Selbstmordversuch 1960, wollte er diese Dynamik sogar beschleunigen. „Für alles wirst du bezahlen“, hat er in „Erdsprache“ geschrieben, „am meisten für deine Geburt. In dir birgst du keinen Wert, / um damit zu bezahlen. Und bist selbst Entgelt für alles.“ Verändert hat sich allerdings seine Haltung zu dieser Endlichkeit. „Heute denke ich, es ist gut, dass unser Leben endlich ist. Die Sterblichkeit garantiert uns die Rückkehr dorthin, wo wir herkommen, durch sie sind wir mit etwas verbunden, was wir Kosmos und Ewigkeit nennen.“ Dorthin hat er nun gefunden. Am vergangenen Freitag ist er in Ljubljana wenige Tage vor seinem 76. Geburtstag gestorben.

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