Kultur : Feuer und Flame

Luftschiffbau in Handarbeit: Antwerpen würdigt den belgischen Happening-Künstler Panamarenko

Uta M. Reindl

Der Vergleich mit Leonardo da Vinci liegt nicht ganz falsch. Jedenfalls hat der belgische Künstler Panamarenko, dem Meister der Hochrenaissance gleich, zahllose Vehikel und Flugobjekte entwickelt, dazu zeichnerisch faszinierende und üppig kommentierte Konstruktionsskizzen geschaffen. Anders aber als der Italiener führt der Flame seine Konstruktionen mit ironischer Überspitzung vor. Auch scheint hierbei weniger das Funktionieren denn ihre nostalgische Ästhetik, vor allem ihre absurde Technologie das Ziel. Panamarenko, sein russsisch klingendes Pseudonym ist frei aus den Anfangssilben von „Pan American Airlines and Company“ komponiert, widmet all seine Kunst dem ihm liebsten Element: der Luft – nein, dem gesamten Universum. Und seine Heimatstadt Antwerpen feiert nun den 63-jährigen Künstler und lädt ein zu Panamarenkos hintersinnigen Reisen gleich an mehreren Orten der flämischen Metropole.

Der mit Propellern am Rücken ausgerüstete Flieger aus Bronze, der „Bepto Bismo 2003“, steht bereits seit Ende Mai startbereit auf dem Sint-Jansplein im Zentrum Antwerpens. Panamarenko schenkte diese Skulptur der Stadt und ließ sie ganz in der Nähe jenes Ortes installieren, wo er seine zweifache Teilnahme an der Documenta in den siebziger Jahren, etliche internationale Ausstellungen, spektakuläre Testfahrten und -flüge, aber auch Forschungsexpeditionen in ferne Länder vorbereitete.

Das Original des metallenen „Pepto Bismo 2003“ steht in „Antwerps Luchtschipbouw“. In dieser edel modernisierten Industriehalle präsentiert Panamarenko seinen Ur-Piloten mit jenen Motörchen, Batterien und Propellern auf dem Rücken gemeinsam mit anderen fliegenden oder krabbelnden Erfindungen, für die der Künstler Insekten zum Vorbild nimmt. Deren Fähigkeit, sich in der Luft zu halten, erklärt er lapidar damit, dass sie eine Menge Zucker essen.

Die Wände der Ausstellungshalle hinauf bewegt sich sodann die überdimensionierte Spinne auf ihren langen Beinen aus Stahlstangen, wie man sie im Bau verwendet. Dem Besucher wäre es sogar möglich, sich auf dem Bastkörbchen-Sitz im Spinnenkörper mitzubewegen. Will der Besucher aber höher hinaus, mag er sich von der fliegenden Untertasse „Bing II“ in Panamarenkos Vorstellungskosmos entführen lassen.

Panamarenko, zweifellos ein Einzelgänger in der zeitgenössischen Kunst, zählt zu den bedeutenden Provo- und Happeningkünstlern Belgiens, was auch in dieser Ausstellung anhand von Blattarbeiten, Foto-und Textdokumentationen sowie Editionen in Vitrinen veranschaulicht wird. Aber die ganze Bandbreite dieser Artefakte auf dem Grat zwischen technischer Nützlichkeit und Dysfunktionalität, zwischen wissenschaftlichem Impetus und künstlerischer Freiheit bringt der Antwerpen-Rundgang erst im Geburtshaus von Peter Paul Rubens voll zur Geltung. Hier wird verständlich, weshalb Panamarenko kund tut, er wolle doch so gern den Nobelpreis für Physik. In den historischen Räumen des niederländischen Barockmalers versammeln sich Panamarenkos Skizzen, Collagen, Wandzeichnungen, Videoimpressionen und nicht zuletzt die Ansichtsexemplare des anlässlich der Ausstellung erschienenen voluminösen Künstlerbuches mit dem Titel der Schau, „Tekenen en Rekenen" („Zeichnen und Rechnen“).

Entwurfsskizzen zu „Pebto Bismo“, zu Luftkissenbooten, Luft-Fahrrädern, U-Booten oder gar zu einem fliegenden Teppich mit zahllosen Propellern lassen sich dort in dicht gedrängter Petersburger Hängung studieren. Am Ende der Schau entfaltet dann eine kleine Zeichnung das Jahrhundert Kafkas mit einer anti-utopischen Stadtlandschaft, führt ein Wandgemälde sozusagen in das galaktische Zentrum „im Anti-Uhrzeiger-Orbit um die Milchstraße“. Dazu mag der Besucher zwischen den Video-Interviews eine der schrägen Happenings Panamarenkos genießen, wie beispielsweise „Hängende Künste“, in der der junge Künstler an den Füßen aufgehängt plötzlich zu Boden plumpst.

Jene frühen Herausforderungen an die Schwerkraft, in denen das Scheitern stets augenzwinkernd mit eingeplant ist, aber auch Panamarenkos ausgesuchter Humor spielen bei der aktuellen Produktionen des Künstlers eine Rolle. Denn er arbeitet zurzeit an der Konstruktion von mechanischen Hühnern, aber „dieses Mal auf dem Kopf“, wie der Künstler gesteht – und fortfährt: „Ich versuche, sie intelligent aussehen zu lassen“.

Antwerpen, Sint-Jansplein, Bronzeskulptur; Antwerpse Luchtschipbouw (Luftschiffbau Antwerpens); Rubenshaus; MuHKA (Museum für zeitgenössische Kunst, alle Ausstelungen bis zum 31. August.

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