Feuer und Wasser : Theaterfest Diyalog im Ballhaus Naunynstraße

Noch bis zum 7. Mai findet das türkische Theaterfest Diyalog im Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße statt. Es ist inzwischen schon die 15. Auflage.

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Kafka am Sprachrand. Das Thikwa und das Theater zum Westlichen Stadthirschen präsentieren beim Diyalog-Festival am 5. Mai (20 Uhr) ihre Koproduktion.
Kafka am Sprachrand. Das Thikwa und das Theater zum Westlichen Stadthirschen präsentieren beim Diyalog-Festival am 5. Mai (20 Uhr)...Foto: Martin Pfahler

Der Mann hat genug vom Lärm der Stadt, er möchte seinen Kopf in die Ruhe tauchen wie in kaltes Wasser. Ein so nachfühlbares wie poetisches Ansinnen, aber die Frau, an deren Tür der Erholungsbedürftige klingelt, ist davon nur befremdet. Schließlich hat sie den adrett gekleideten Herrn noch nie gesehen, und es beruhigt sie auch nicht, dass der Einlass begehrende Fremde ihr gesteht: „Seit zwei Jahren sehe ich aus meinem Fenster jede Nacht ihr Licht.“ Ein Stalker, angezogen von Elektrizität? Einen Namen hat der Mann nicht, auch keinen Beruf, und was er eigentlich will, bleibt im Dunkeln. Entsprechend heißt das Stück „Bay Hi? – Herr Nichts". Sollte man das Nichts fürchten – oder lieben? Die zunehmend faszinierte Frau quält bald vor allem eine Sorge: „Was, wenn Sie nicht echt sind?“

Mit diesem Gastspiel aus Istanbul ist das Diyalog Theaterfest im Ballhaus Naunynstraße eröffnet worden. Die mittlerweile 15. Ausgabe. Es liegt ein langer Weg hinter dem Festival und seinem Leiter, Mürtüz Yolcu, einem Pionier der türkischen Kulturarbeit in Berlin. Aus einem Kreuzberger Nischen-Event für die Community hat er ein international ausgerichtetes Theater-Happening geformt, das über die Herkunft längst hinausgewachsen ist. „Wir haben schnell gemerkt, dass Stücke, in denen es nur um die armen Ausländer geht, uns nicht weiterbringen“, sagt Yolcu mit Blick auf die Anfänge, aufs „Gastarbeitertheater“, wie er es nennt. Diese halbgeduckte Perspektive – hallo, wir sind auch Menschen! – interessiert ihn schon lange nicht mehr. Er setzt auf ein Programm, das vielfältig ist – vielfarbig und vielsprachig. Das Diyalog Fest will noch immer Minderheiten eine Stimme geben, aber eine Mehrheit der Kulturinteressierten ansprechen. Mit einem Mix aus Erwachsenen- und Kindertheater, Kabarett und Konzert, Performance und Lesungen. Das japanische Tanzstück „Genbaku Onomatopoeia“ von Jujiro Maegawa, in dem es um Hiroshima und die Strahlen von heute geht, steht da neben der Gogol-Bearbeitung „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ des russischen Regisseurs Oleg Myrzak – entstanden in einem Neuköllner Kellerloch mit dem großartigen Ernst-Busch-Absolventen Timur Isik als Soloperformer, der die abgründige Komik aus Gogols Irrenhaus-Prosa kitzelt.

Besonders spannend indes ist der Blick nach Istanbul. Dort ist vor einem Jahr mit dem „Kumbaraci 50“ ein Haus als Sammelbecken für die Freie Szene entstanden, vergleichbar dem HAU, wie Yolcu sagt. Viele Künstler arbeiten dort, die im Ausland studiert haben und in die Türkei zurückgekehrt sind. Darunter Kerem Ayan, der Regisseur von „Herr Nichts“, der über Einsamkeit sinniert und die Projektion, die Liebe immer auch ist.

Die Istanbuler Off-Szene, weitgehend unbezuschusst, sei gerade erst im Kommen, erzählt Yolcu, sie erinnere ihn an die Berliner Theaterlandschaft Anfang der Achtziger. Aber immer mehr Künstler griffen kritische, kontroverse Themen auf. Wie Yigit Sertdemir, Autor und Hauptdarsteller des Stücks „Kollektivtäter – Fail-i Müsterek“. Der geht, sehr mutig und schwarzhumorig, mit den längst nicht bewältigten Folgen des türkischen Militärputsches von 1980 ins Gericht. Und weitet seine Erzählung zu einer Reflexion über die Mitschuld einer schweigenden, unpolitischen Mehrheit an Korruption und Machtmissbrauch, was geradewegs in die Gegenwart zielt. Auch auf eine Generation Facebook, die sich für informiert hält, aber gegen die ganz reale Zensur nicht protestiert. Sertdemir gibt sarkastische Tipps, wie man ein unliebsames Theater kleinkriegt. Zum Beispiel: es vorübergehend schließen lassen, weil die Feuerleiter fehlt. Genau das ist dem „Kumbaraci 50“ schon passiert.

Den lokalen Kontext verliert das Diyalog Festival dabei nicht aus den Augen. Ebenso wenig eine erste Generation, um die Mürtüz Yolcu auch wirbt. Zu einer Lesung unter dem Titel „Migrationsgeschichten“, die Rück- und Ausblick sein wird, bringt er jüngere Autoren wie Menekse Toprak mit Protagonisten der in den Siebzigern so getauften Gastarbeiterliteratur zusammen, Yüksel Pazarkaya etwa (3.5., 20 Uhr). Schwer genug, die zu finden. Ein Aras Ören, Autor des Poems „Was will Niyazi in der Naunynstraße“ von 1973, lebt seit zehn Jahren wieder in der Türkei und möchte, so erzählt es der Festivalleiter, mit den sich ewig im Kreis drehenden Migrationsdebatten nichts zu tun haben: „Der hat die Nase voll, der hat sich bis heute nicht von diesen Gastarbeiterdiskussionen erholt.“ Verdient hätte er es, seinen Kopf in die Ruhe zu tauchen wie in kaltes Wasser.

Ballhaus Naunynstraße, bis 7. Mai; Infos unter: www.theater-diyalog.com

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