Kultur : Feuergrau

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In seinen Dimensionen gibt sich der strenge weiße Kubus bescheiden, doch die Konzeption und Ausstattung der Darmstädter Galerie Sander ist von musealer Eleganz. Pünktlich zum 20-jährigen Bestehen bezog Hans-Joachim Sander vor zwei Jahren neue Ausstellungsräume unterhalb der Mathildenhöhe. Der Begleitkatalog zum Jubiläum nimmt sich aus wie das Who is who der internationalen Nachkriegskunst, mit Akzenten in der Klassischen Moderne. Gemäß seinem Motto: „Kunst ist immer unterwegs zu neuen Räumen“ eröffnete der umtriebige Galerist nun eine Berliner Dependance. Mit seinem gediegenen Programm will Sander in der jungen Mitte Zeichen setzen. Das Herzstück mit Werken des Informel und Tachismus, der Cobra-Gruppe und der Ecole de Paris wird in absehbarer Zeit durch einen eigenen Ort für deutschen Expressionismus nobilitiert, und im nächsten Jahr gibt es einen zusätzlichen Raum für zeitgenössische Kunst.

Der Auftakt in der Tucholskystraße ist geschickt gesetzt: Pünktlich zum 100. Geburtstag präsentiert der Darmstädter Ernst Wilhelm Nay in Berlin, und würdigt damit den im Deutschland der 50er und 60er Jahre avanciertesten Vertreter des abstrakten Expressionismus in dessen Geburtsstadt. Wenngleich Nay nach dem Krieg in den Taunus und 1951 nach Köln übersiedelte, blieb er der Stadt seiner Kindheit und Studienzeit zeitlebens verbunden. Nach Ausstellungsverbot und Kriegsgefangenschaft fand hier 1946 seine erste Einzelausstellung statt: Die Galerie Gerd Rosen präsentierte die Lofoten-Bilder, die 1937 auf den norwegischen Inseln mit finanzieller Hilfe Edvard Munchs entstanden waren. Von Köln aus engagierte sich der Künstler im legendären Hofer-Grohlmann-Streit. Aus Protest gegen Äußerungen Karl Hofers, bei dem Nay bis 1928 Meisterschüler war, verließ er gemeinsam mit Willi Baumeister und Fritz Winter 1955 den deutschen Künstlerbund.

Die Fragen um Gegenständlichkeit und Abstraktion hatte Nay für sich radikal entschieden: Das Elementare seiner Kunst fand er allein im „Gestaltwert der Farbe“, den er mit dem gleichnamigen Essay 1955 theoretisch untermauerte. Keine Aussagen, keine Inhalte – der Farbe und ihrer Beziehung zur Fläche galt sein Lebenswerk, das in den berühmten „Scheibenbildern“ Mitte der 50er-Jahre seinen prägnantesten Ausdruck fand.

Aufstieg und Fall lagen nah beieinander: Arnold Bode, der Nays Arbeiten bereits zur Documenta 2 als deutsches Pendant zu Jackson Pollock ausstellte, exponierte ihn 1964 auf der Documenta 3 gar mit einem eigenen Raum. Aber schon bald geriet Nay aus dem Blickfeld der Kunstwelt. Die Hinwendung zu den reduzierten Farbflächen der späten Jahre konnten dem Zeitgeist von Fluxus, Neo-Dada und Anti-Kunst nicht standhalten.

Insofern kann man Nay als Wirtschaftswunder-Maler betrachten: kein Blick zurück auf die Katastrophe, sondern ein Lodern der Gegenwart in chromatischen, leuchtenden Farben. In seiner 1958 erschienenen Nay-Monographie schrieb Werner Haftmann: „Man wird bemerken, dass unter der geordneten Farbigkeit der Bilder Nays das Feuer einer nahezu manischen Leidenschaft brennt." Wie treffend Haftmanns Äußerung war, zeigt noch das Spätwerk, aus dem sechs Leinwände und vier Aquarelle bei Sander zu sehen sind (zwischen 30 000 und 300 000 Euro). „Feuergrau“ ist ein 1966 entstandenes Ölbild betitelt, das fast wie ein Umkehrschluss des 1968 verstorbenen Künstlers gelesen werden kann. Das dem Feuer konnotierte Rot wirkt eher verhalten im Hintergrund, seitlich flankiert von Wasserblau. Während vom rechten Bildrand dunkel gestimmte Valeurs gleich einer Woge den Farbklang überrollen. Doch das Feuer ist nicht erloschen, sondern gerade in der Dynamik der Grau- und Dunkelblautöne entfacht. Der opake Auftrag und eine fast minimalistische Formung unterstreichen den Eigenwert der Farbe auch in „Blau-Rot“ und „Spindel-Blau“ von 1967. Die stilisierten Flächen rücken die Farbigkeit erneut ins Zentrum, von wo sie sich über die Leinwand in den Raum ausdehnt und den Bildern ihre kühne Offenheit verleiht. Michaela Nolte

Galerie Sander, Tucholskystraße 38, bis

2. August; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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